Unter anderen Umständen hätten Kanzlerin und Wirtschaftsminister mit einem Glas Sekt anstoßen können. Denn so wenige Arbeitslose wie im Oktober gab es in Deutschland seit 25 Jahren nicht. Zwar haben die positiven Zahlen auch saisonale Gründe. Aber die gab es ja früher auch schon, ohne dass deswegen die aktuelle Rekordmarke erreicht wurde.

Trotzdem gibt es leider gute Gründe, dass in der Koalition keine Feierlaune aufkommt. Dazu genügt ein Blick in das am selben Tag vorgelegte Jahresgutachten der fünf „Wirtschaftsweisen“. Die dort genannten Risiken und unerledigten Aufgaben bleiben beträchtlich. Dreh- und Angelpunkt für eine positive Entwicklung der Unternehmen und damit auch des Arbeitsmarkts ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Und hier hat die Große Koalition in den vergangenen Jahren zu wenig getan, wie die Gutachter zu Recht kritisieren.

Gewiss wurden zahlreiche Reformen auf den verschiedensten Politikfeldern durchgeführt. Aber ein umfassendes Fitness-Programm zu Gunsten hiesiger Unternehmen und Arbeitsplätze zählte nicht dazu. Stattdessen zehren Union und SPD im wesentlichen von den positiven Auswirkungen der Agenda 2010, die vor über zehn Jahren vom seinerzeitigen Kanzler Schröder gegen heftige Widerstände durchgesetzt wurde.

Doch deren Effekte könnten schwächer werden. Sie enthalten zumindest keinen Blankoscheck für eine ökonomische Zukunft voller Sicherheit und Sonnenschein. Man denke etwa an die Risiken des Brexit und der Wahl in den USA sowie an die Herausforderungen durch Flüchtlingsintegration und demographischen Wandel – um nur die wichtigsten zu nennen. Darauf gilt es sich in guten Zeiten stärker als bisher einzustellen.

Allerdings sollte bei aller Kritik das Positive nicht verdrängt werden. Deutschland steht wirtschaftlich und sozial auf einer sehr soliden Basis. Darum beneiden uns Millionen Menschen in anderen Ländern. Und sie wollen ebenfalls einen solch hohen Standard erreichen. Dies verstärkt massiv den internationalen Wettbewerbsdruck auf hiesige Unternehmen und ihre Beschäftigten. Wie dynamisch und auch problematisch diese neue Konkurrenz werden kann, erlebt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gerade auf seiner China-Reise. Umso wichtiger ist es, hier nicht aus Bequemlichkeit oder Reformschwäche in die Defensive oder gar dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)