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Natürlich sind die jüngsten Zahlen des ARD-Deutschlandtrends nur eine Momentaufnahme. Die nächste Bundestagswahl könnte auch ganz anders ausgehen. Doch Union und SPD sollten sich hier nicht so sicher sein. Augenscheinlich verschieben sich derzeit die bundespolitischen Gewichte in beispielloser Weise. Nach dem Niedergang der SPD droht nun auch der CDU das gleiche Schicksal. Nur noch Platz zwei hinter den Grünen: Das haben sich wohl die allermeisten Unionsmitglieder nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen vorstellen können.

Die Zweifel, ob Annegret Kramp-Karrenbauer tatsächlich die richtige Vorsitzende geschweige denn Kanzlerkandidatin ist, dürften deshalb weiter zunehmen. Bislang sieht es jedenfalls nicht danach, dass die Saarländerin zur erhofften Lokomotive im Wahlkampf werden könnte. Im Gegenteil, die jüngsten Umfrageergebnisse lassen sie sogar als Belastung erscheinen. Der Zauber eines Neuanfangs an der CDU-Spitze ist damit endgültig verflogen, sofern er bei AKK überhaupt jemals vorhanden gewesen ist. Friedrich Merz, ihr nur knapp unterlegener Konkurrent um den Parteivorsitz, kommt durch diese Krise unerwartet schnell zurück ins Rampenlicht.

Merz rechnet laut Aussage im Handelsblatt mit einem Ende der Koalition noch in diesem Jahr. Wenn sich diese Prognose bewahrheitet, gerät die aktuelle CDU-Führung personell und inhaltlich massiv unter Druck. Denn sie ist momentan im Vergleich zu den Grünen kaum kampagnenfähig.

Dies liegt weniger an der Strahlkraft der Ökopartei als an den Verschleißerscheinungen der Christdemokraten. Diese haben viel zu lange darauf vertraut, dass die Kanzlerin es schon richten werde. Die Partei selbst verlor dabei programmatisch über die Jahre zusehends an Profil und Unterscheidbarkeit für die Wähler. Auch das Führungsteam wirkt teilweise durch viele Ministerjahre etwas müde bis hin zu verschlissen.

Entsprechend schwer fällt der CDU nun der Übergang in die bevorstehende Nach-Merkel-Ära. Sie kann sich bei einer Koalitionsbildung nicht länger als gleichsam natürliche Kanzlerpartei betrachten. Auch inhaltlich heißt es, gegenüber der Grünen-Konkurrenz wieder Oberwasser im bürgerlichen Lager zu gewinnen. Bislang hat Kramp-Karrenbauer hier noch keine überzeugenden Akzente gesetzt – für Merz eine politische Steilvorlage, um sich für höhere Aufgaben in Partei und Staat zu profilieren.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)