Martin Schulz mag nicht allein für die verheerende Wahlniederlage der SPD verantwortlich sein. Aber als Spitzenkandidat und Parteichef war er in der Kampagne das Gesicht der Partei. Das wirkt nach und macht ihn jetzt de facto zum Vorsitzenden auf Abruf. Dennoch versucht Schulz weiterhin, strategische Weichen für eine Zukunft zu stellen, in der er keine Hauptrolle mehr spielen kann. Erst die rasche Festlegung der SPD auf die Oppositionsrolle, kurz danach die nur halb geglückte Etablierung einer neuen Fraktionsführung – kein Wunder, dass sich viele Genossen vom Wahlverlierer überfahren fühlen.

Der größte Dienst, den Schulz seiner Partei jetzt noch leisten kann, heißt schneller Rücktritt. Und damit die Perspektive schaffen für einen umfassenden und reibungslosen Neuanfang. Denn klar ist, dass die Sozialdemokraten in vier Jahren nicht wieder mit derselben Botschaft und mit demselben Spitzenkandidaten wie 2017 antreten können.

Insofern kann der Wechsel im Fraktionsvorsitz nur ein erster Schritt sein. Andrea Nahles wird als Oppositionsführerin im Bundestag zwar eine öffentlich herausgehobene Funktion ausüben. Aber ohne gleichzeitigen Parteivorsitz hat sie nicht genug Freiheiten und Kompetenzen, um als „neues Gesicht“ der SPD gelten zu können. Im Gegenteil: Reibereien zwischen den Zentralen von Partei und Fraktion dürften kaum ausbleiben.

Und die Vorteile einer Doppelspitze Schulz/Nahles? Keine, außer dass die Partei gegenüber ihrem gescheiterten, aber zugleich pflichtbewussten und persönlich höchst ehrenwerten Spitzenkandidaten nicht undankbar wirken könnte. Die SPD sollte deshalb möglichst bald Klarheit schaffen. Wenn Nahles die Nummer eins werden soll, muss sie jetzt auch Parteichefin werden. Oder aber die Sozialdemokraten wählen umgehend einen starken Parteivorsitzenden, der die realistische Chance hat, Nahles die nächste Kanzlerkandidatur streitig zu machen.

Doch eine solche Persönlichkeit ist momentan nicht in Sicht. Alle bisher genannten potenziellen Spitzenkandidaten – von Olaf Scholz bis Sigmar Gabriel – dürften kaum noch Aufbruchstimmung verbreiten können. Allenfalls Manuela Schwesig könnte vielleicht für eine Überraschung sorgen. Sie ist regierungserfahren, populär und hat dank ihres Wechsels nach Schwerin das jüngste SPD-Debakel in Berlin eher glimpflich überstanden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)