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Venezuelas selbst ernannter Interimspräsident Juan Guaidó ist mit dem Versuch gescheitert, das Regime von Nicolás Maduro mit einem schnellen, entscheidenden Schlag zu stürzen. Denn die mächtigen Streitkräfte tun sich schwer, ihre bisherigen Privilegien aufzugeben – sei es aus Sorge um Pfründe oder aus Furcht, für Verbrechen in der Vergangenheit zur Verantwortung gezogen zu werden.

Doch egal, wie die nächsten Tage verlaufen: Die Bürger Venezuelas haben Maduro in beispielloser Weise die rote Karte gezeigt. Denn Guaidó konnte sich über Wochen nahezu offen im Land bewegen und zum Umsturz aufrufen. Üblicherweise enden solche Kraftproben nach kurzer Zeit, weil eine Seite die Oberhand gewinnt. Man denke hier etwa an den gescheiterten Putschversuch gegen Präsident Erdogan in der Türkei.

Anders in Venezuela. Dort war Maduro offenkundig außerstande, die Proteste zügig niederzuschlagen und den Oppositionsführer festzusetzen. Das zeigt, dass der Rückhalt des Präsidenten in der Bevölkerung auf den Nullpunkt gesunken ist. Kein Wunder, denn das rohstoffreiche Land ist durch die skandalöse Misswirtschaft und Korruption der herrschenden Sozialisten über Jahrzehnte in bittere Not gestürzt worden.

Millionen Menschen in Venezuela haben buchstäblich nichts mehr zu verlieren. Sie hungern teilweise, ihnen fehlen lebenswichtige Medikamente, staatliche Willkür und billige Propagandasprüche bestimmten über Jahre den Alltag. Und das besonders Fatale: Maduro konnte von Anfang an keinerlei überzeugende Wege aus der Krise benennen geschweige denn beschreiten.

Der Präsident hat erkennbar die Kontrolle über das Land verloren. Ohne den Rückhalt der Streitkräfte und des Geheimdienstes wäre der Machtkampf wohl schon nach kurzer Zeit zu Gunsten der Opposition und Guaidós entschieden gewesen.

Zugleich zeigen die Ereignisse in Venezuela, wie gering die diplomatischen Einflussmöglichkeiten des Auslands in bestimmten Situationen sind. Alle Appelle, Warnungen, Drohungen auch der USA gingen ins Leere, weil neben den wenigen internationalen Unterstützern Maduros vor allem eines zählte: die Feigheit und der Zynismus einer Generalität, denen das Wohl und die Wünsche der einfachen Leute völlig egal ist.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)