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Eine solche Harmonie zwischen den Schwesterparteien hat man lange nicht mehr gesehen. Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wurde bei der Klausur der CSU-Landesgruppe in Kloster Seeon förmlich auf Händen getragen. Keine erkennbaren Meinungsunterschiede, keine noch so leise Kritik oder Sticheleien: es war fast schon unheimlich, mit welcher Entschlossenheit die Grabenkämpfe des vergangenen Sommers für beendet erklärt wurden.

Vor allem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat erkannt, wie schädlich die internen Streitereien für seine Partei gewesen sind. Die entsprechende Quittung der Wähler hat ihn bei der Landtagswahl im Oktober die absolute Mehrheit und beinahe sogar das Amt gekostet.

Doch die Ruhe ist trügerisch, solange Ex-CSU-Chef Horst Seehofer weiter als Bundesinnenminister amtieren darf. Er hat unionsintern nichts mehr zu verlieren, aber noch so manche alte Rechnung offen. Das macht ihn unberechenbar, selbst wenn Seehofer den neuen Kurs jetzt erst einmal demonstrativ unterstützt.

Und Seehofer ist das Gesicht der „alten“ CSU, die die Koalition und mit ihr die Unionsgemeinschaft fast in den politischen Abgrund gestürzt hätte. Auch seine vorzeigbaren Erfolge als Bundesinnenminister sind eher mäßig – von der jüngsten Affäre um den Datenleak im Bundestag ganz zu schweigen. Hier wirkt Seehofer bislang eher wie ein Abwiegler und Getriebener. So kann man in Berlin gewiss nicht Pluspunkte für die CSU sammeln.

Offen ist zudem, wie lange Söder sich an die selbst verordnete Harmonie halten wird. Gewiss wird er versuchen, zunächst in der bayerischen Landespolitik wieder auf Erfolgskurs zu kommen. Aber dies allein reicht nicht. Die CSU hat traditionell auch einen hohen bundes- und europapolitischen Anspruch. Söder muss sich hier als Vorsitzender künftig stärker persönlich profilieren, um seine Position zu festigen. Dies birgt durchaus internes Konfliktpotenzial sowohl mit Seehofer als auch mit Kramp-Karrenbauer und der CDU-Führung.

Man darf deshalb gespannt sein, wie lange der Schulterschluss von Seeon tatsächlich halten wird. Immerhin hat gerade Söder in den vergangenen Monaten seinen Stil des Öfteren quasi über Nacht radikal geändert…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)