Seite auswählen

In Sachen Brexit laufen die Verhandlungen offenbar auf Hochtouren. Dem Vernehmen nach wurden insbesondere in der heiklen Nordirland-Frage Fortschritte erzielt. Wie sie aussehen und vor allem ob sie ausreichen, ist zwar noch unklar. Aber wenigstens sprechen Briten und EU jetzt wieder ernsthaft miteinander. Allein dies ist schon positiv. Denn die Zeit für einen geordneten Ausstieg Londons wird bedenklich knapp.

Falls bis nächste Woche zum geplanten EU-Gipfel keine belastbaren Konzepte vorliegen, lässt sich das Schreckensszenario eines chaotischen Endes der britischen Mitgliedschaft kaum noch vermeiden. Den Schaden hätten vornehmlich die Bürger des Inselreichs. Doch auch für die EU wäre dies politisch und vor allem wirtschaftlich sehr negativ. Die ökonomischen Beziehungen mit Großbritannien sind eng. Sie zu erschweren oder teilweise gar zu kappen, dürfte auch auf dem Kontinent viele Arbeitsplätze kosten.

Daher ist es die Pflicht der Brüsseler Verhandlungsführer, mit aller Energie nach kreativen Lösungen für eine Schadensbegrenzung zu suchen. Denn es genügt nicht, auf dem hohen Ross zu sitzen und bloß auf ein Einknicken der Regierung von Theresa May zu warten. Eine solche Strategie wäre in gleichem Maße überheblich wie langfristig unklug. Schließlich gehören die Briten und ihre Unternehmen wenn nicht zur EU dann aber doch eindeutig zu Europa. Die politischen und kulturellen Wurzeln gleichen sich, vielfältige Bindungen existieren seit Generationen.

Auch künftig sollten Briten daher besser gestellt werden als Angehörige oder Firmen aus völlig anderen Weltregionen, mit es keine derart engen Partnerschaften oder Bündnisse gibt. Dass dabei keine Grundprinzipien der EU geopfert werden dürfen, versteht sich selbst. Sonst könnte der Brexit leicht zum Vorbild für andere Staaten werden. Daran müsste die Union zerbrechen. Ein solcher Preis wäre zu hoch. Dann notfalls eben besser ein Ende mit Schrecken.

Natürlich wäre es das Vernünftigste, die Briten würden ihren Austrittsantrag bedingungslos zurückziehen. Dann hätten sich gewaltige Probleme gleichsam über Nacht in Luft aufgelöst. Momentan sieht es danach aber leider nicht aus. Es gilt deshalb, mit Wohlwollen und Außenmaß das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)