Die Proteste am Wochenende gegen das geplante europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen TTIP waren nicht überzeugend. Erstens kamen weniger Teilnehmer, als von den Veranstaltern erhofft. Zweitens ist ein baldiger Abschluss von TTIP aus mehreren Gründen sowieso nicht zu erwarten. Drittens wurden keine inhaltliche Alternativen für eine bessere Handelspolitik aufgezeigt. Und viertens, vielleicht am schlimmsten, konnte der Eindruck nicht ausgeräumt werden, dass viele TTIP-Gegner im Grunde nur anti-amerikanische Stimmung machen wollen.

Schon deshalb sollte die Bundesregierung jetzt auf Washington zugehen und versuchen, dort die Tür für ein Freihandelsabkommen auf Dauer offen zu halten. Denn gute wirtschaftliche Beziehungen zu den USA sind für Deutschland unverzichtbar. Und Verhandlungen über ein Abkommen wie TTIP sind die bestmögliche Gelegenheit, auf Augenhöhe die gemeinsamen Spielregeln für den ökonomischen Austausch in einem globalisierten Markt festzulegen.

Wer sich einer solchen Öffnung und gleichzeitigen Bindung prinzipiell verweigert, darf sich nicht wundern, wenn die weltweiten Standards dann eines Tages de facto woanders, etwa in einer asiatisch-amerikanischen Freihandelszone, geregelt würden. Das wäre Fremdbestimmung pur. Es liegt deshalb im ureigenen strategischen Interesse der Deutschen, TTIP bei den Amerikanern im Spiel zu halten.

Leider ist bei den Verhandlungen durch Geheimniskrämerei, Phantasielosigkeit und miserable Kommunikation viel Zeit und Vertrauen verspielt worden. Damit ist bis zum Präsidentenwechsel in den USA ein Abschluss praktisch unmöglich geworden. Und danach muss sich die neue US-Regierung erst mehrere Monate einarbeiten, müssen die Franzosen im Mai und die Deutsche im September ihre jeweiligen Staats- beziehungsweise Regierungschefs wählen. Im Klartext: Bis Ende nächsten Jahren wird nichts in Sachen TTIP entschieden. Aber es sollte in dieser Zeit weiter alles getan werden, um einen Neustart in 2018 zu ermöglichen.

Ob die USA dann allerdings noch zu einer solchen Öffnung und Angleichung ihres Marktes bereit sind, ist ungewiss. Hillary Clinton und Donald Trump erwecken momentan jedenfalls eher den gegenteiligen Eindruck. Für beide heißt die aktuelle Devise: America first. Umso wichtiger, dass sich die Europäer nicht schon jetzt durch polemische Anti-TTIP-Kampagnen selbst ins strategische Abseits stellen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)