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Allmählich weicht das erste Erschrecken über die zwei Ministerrücktritte in London. Chaotischer als momentan können die Brexit-Verhandlungen auf britischer Seite ja auch kaum geführt werden. Dass der dafür zuständige Ressortchef geht, ist insofern positiv. Auch dem scheidenden Außenminister Johnson muss niemand eine Träne nachweinen. Premierministerin May gerät damit zwar intern mächtig unter Druck. Aber auch ihr baldiges Aus wäre keine Katastrophe. Denn dann besteht die Chance auf vorzeitige Neuwahlen – trotz des Zeitverlusts durch den Wahlkampf die beste und wohl einzige Möglichkeit, die aktuelle Hängepartie um Großbritanniens Zukunft entscheidend in die eine oder andere Richtung zu ändern.

In diesem Fall sollte Brüssel nicht zögern, den Briten eine Nachspielzeit zu gewähren. Denn die Europäische Union muss ein hochgradiges Interesse an einem guten Ausgang der Verhandlungen haben. Im begründeten Zweifelsfall – dazu gehören auch Neuwahlen – sollten die Gespräche daher besser ein paar Wochen oder Monate länger als bislang geplant dauern können. Beide Seiten müssten daher „nur“ eine entsprechende rechtliche Übergangsfrist vereinbaren.

Natürlich wäre es ideal, die britischen Wähler würden den unsäglichen Brexit-Spuk ohne Wenn und Aber beenden. Doch selbst ein anderes Resultat von Neuwahlen, sofern es eindeutig ist, würde für mehr Sicherheit und Berechenbarkeit sorgen. Beides ist vor allem für Unternehmen und Beschäftigte wichtig. Die Wirtschaft diesseits und jenseits des Kanals muss bei Investitionen und Geschäftsbeziehungen langfristig planen können. Der aktuelle Wirrwarr ist daher Gift für die Konjunktur. Das heißt: selbst ein Ende mit Schrecken – sprich hartem Brexit – ist aktuell besser als ein Schrecken ohne Ende.

Entscheidend bleibt, den Blick endlich wieder nach vorn richten zu können. Wie soll der Warenverkehr künftig geregelt werden, wie Finanzdienstleitungen, Reisen, Arbeitsmöglichkeiten für Bürger der jeweils anderen Seite, wie Wissenschafts- und Bildungsaustausch oder auch Terror- und Kriminalitätsbekämpfung. Bei alldem gilt, wie bisher zum beiderseitigen Vorteil möglichst enge und vertrauensvolle Beziehungen auf allen Ebenen zu pflegen. Denn trotz des politischen Trauerspiels in London darf nie vergessen werden: Die Briten gehören fest zu Europa, in welcher rechtlichen und ökonomischen Form auch immer.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)