Das TV-Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron ist gewiss kein Musterbeispiel für gepflegte Debattenkultur gewesen. Zu polemisch, zu aggressiv gingen die beiden Bewerber um die französische Präsidentschaft aufeinander los. Gleichwohl hat der Auftritt seinen Sinn erfüllt. Die Franzosen wissen spätestens jetzt, wie immens weit die Kandidaten in Persönlichkeit, Programmatik und vor allem Seriosität auseinanderliegen.

Dass die anschließende Zuschauerumfrage zu Gunsten Macrons ausging, lässt hoffen, dass sich am Ende doch die Vernunft durchsetzt. Aber sicher ist dies erst nach Schließung der Wahllokale. Die Beispiele Trump-Sieg und Brexit zeigen, wie dramatisch stark vorhersagte und tatsächliche Stimmergebnisse voneinander abweichen können. So etwas sollte am Sonntag in Frankreich hoffentlich nicht geschehen. Denn die Folgen eines Siegs von Le Pen wären für Europa fatal. Die deutsch-französische Zusammenarbeit als Motor der Einigung würde der Vergangenheit angehören. Die EU hätte ihre besten Jahre hinter sich.

Freuen dürfte sich in einem solchen Fall nur Theresa May. Sie würde bei den anstehenden Austrittsverhandlungen auf deutlich geschwächte Verhandlungspartner treffen. Die Londoner Premierministerin könnte darauf setzen, dass Brüssel um des lieben Friedens willen zu weitreichenden Zugeständnissen bereit wäre. Schließlich hätte die Union dann mit Frankreich schon genug Sorgen, und das finanzielle Tauziehen mit den Briten sollte aus Brüsseler Warte entsprechend kurz wenn auch heftig ausfallen – für May eine strategisch günstige Ausgangslage. Denn je tiefer und länger bei den Verhandlungen in die Haushaltsdetails gegangen wird, desto teurer wird der Brexit am Ende für die Briten wohl werden.

Doch auch ein Wahlerfolg Macrons ist kein Grund zum lauten Jubel. Das TV-Duell hat drastisch vor Augen geführt, dass Frankreich in zwei fast gleich große Lager gespalten ist, die kaum noch miteinander reden können. Das ist politischer Sprengstoff, der das Land innerlich zu zerreißen droht. Sollte Macron Präsident werden – was zu hoffen ist -, dann wird er Brücken bauen und so die Situation entschärfen müssen. Dass ihm dies auf die Schnelle gelingen könnte, scheint nach den inneren Verwerfungen der letzten Jahre kaum vorstellbar.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)