Ist es wirklich kein Zufall, dass die Große Koalition den Bürgern ausgerechnet elf Monate vor der nächsten Bundestagswahl in einem umfassendem Bericht Glück, Freude und hohe Lebensqualität bescheinigt? Eine solche Bilanz schmückt schließlich jede Regierungsbilanz und jedes Parteiprogramm. Doch was sind die positiven Botschaften tatsächlich wert? Welche konkreten Erkenntnisse können Politiker und Bürger daraus gewinnen?

Hier ist Skepsis angebracht. Denn die meisten Aussagen sind nicht wirklich neu. Und vor allem lassen sich daraus keine konkreten politischen Handlungsempfehlungen ableiten. Insofern stellt sich schon die Frage, ob Kosten und Nutzen der Studie in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Auch gibt es reichlich andere Umfragen, Statistiken und Untersuchungen zu den Aspekten des Berichts über Lebensqualität. Was denen fehlt ist die förmliche Billigung durch das Bundeskabinett. Aber dies allein dürfte den Aufwand des ganzen Vorhabens kaum rechtfertigen.

Im Gegenteil, manche könnten dem Bericht gerade wegen seines quasi amtlichen Charakters misstrauen und die positiven Aussagen für propagandistische Schönfärberei halten. Dabei hätten gerade die Politikverdrossenen allen Grund, auch einmal die guten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Seiten der vergangenen Jahre zu würdigen. Denn unter dem Strich können die Deutschen mit sich und ihrem Land sehr zufrieden sein. Niedrige Arbeitslosigkeit, äußerer Frieden, mehr Solidarität und gesellschaftliches Engagement wie jüngst bei Flüchtlingen – dies sind nur einige der vielen Pluspunkte.

Umso befremdlicher sind andererseits die zahlreichen Anzeichen von Frustration, Wut, Angst bei immer mehr Bürgern. Man nehme nur die Dresdner Pegida-Demonstrationen. Deren Teilnehmer dürften sich kaum in den positiven Botschaften des Regierungsberichts zur Lebensqualität wiederfinden. Gleiches gilt für die wachsende Zahl von Nicht- und Protestwählern, die mit unserer Demokratie nicht zu Rande kommen. Was muss, was kann getan werden, damit auch diese Personengruppen den Eindruck bekommen, ihre Lebensqualität nehme zu?

Dies ist eine zentrale Frage des gesellschaftlichen und politischen Zusammenhalts in Deutschlands. Pauschale Hochglanz-Daten, wie sie jetzt von der Bundesregierung abgesegnet wurden, helfen bei der Beantwortung nicht weiter.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)