Die Große Koalition arbeitet zurzeit besser als viele zu Jahresbeginn erwartet hatten. Zwar brachte das Spitzentreffen im Kanzleramt keine spektakulären Ergebnisse. Das wäre knapp sechs Monate vor der Bundestagswahl wohl auch zu viel des Guten gewesen. Doch wurden immerhin einige konkrete Beschlüsse gefasst, die zu handfesten Verbesserungen führen – von der härteren Bestrafung bei Einbruchsdiebstählen bis hin zum Verbot von Kinderehen. Union und Sozialdemokraten zeigen damit, dass eine Fortsetzung der Großen Koalition nach der Wahl nicht die schlechteste Lösung sein muss.

Bemerkenswert ist hier vor allem das Verhalten von Martin Schulz. Der neue SPD-Chef wollte ursprünglich nicht am Koalitionsausschuss teilnehmen. Dies wäre für ihn taktisch der einfachste Weg gewesen, sich aus der Verantwortung für die Regierungsarbeit herausnehmen. Statt Kompromisse vertreten nur die reine sozialdemokratische Lehre propagieren – so ließe sich leicht Wahlkampf auf Kosten des Koalitionspartners machen. Diesen Ausweg hat die Union Schulz verbaut, indem sie ihn per Terminänderung förmlich zur Teilnahme an den Gesprächen nötigte. Der SPD-Chef hat das Beste daraus gemacht, indem er bei dem Treffen konstruktive Lösungen ermöglichte oder gar förderte. Das spricht für seine Seriosität.

Ähnlich positiv auch die Rolle von Angela Merkel. Sie hat es mit viel Souveränität und Sensibilität geschafft, dass ihre Minister noch nicht in den offenen Wahlkampfmodus gewechselt sind. Es wird fast so regiert, als ob man sich mitten in der Legislaturperiode befinde. Das verdient Respekt: für die Führungsqualität der Kanzlerin ebenso wie für die Sachloyalität insbesondere der sozialdemokratische Kabinettsmitglieder. Denn diese wissen spätestens seit dem Stimmergebnis im Saarland, dass erfolgreiche Regierungsarbeit bei Wahlen häufig eher dem größeren als dem kleineren Koalitionspartner zugute kommt.

Den Bürgern kann soviel Verantwortungsbewusstsein nur Recht sein. Doch bald wird und muss es mit der relativen Eintracht in Berlin vorbei sein. Union und SPD wollen beide das Land auf sehr unterschiedlichen Wegen voranbringen. Dass sie bei Bedarf aber auch eine gemeinsame Richtung finden können, ist beruhigend – insbesondere angesichts der internationalen Turbulenzen von Brexit bis Trump.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)