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Kein Wunder, dass Sozialdemokraten nach der Bayern-Wahl laut über ein Ende der Koalition in Berlin nachdenken. Die Verluste der SPD waren schließlich dramatisch. Nur noch fünftstärkste Fraktion im Münchner Landtag zu sein, erzeugt bundesweit bei vielen Genossen fast schon Untergangsstimmung. Noch sind es Einzelstimmen aus dem linken Spektrum der Partei, die deswegen einen Bruch der Berliner Koalition ins Spiel bringen. Aber der Frust über die dortigen Streitigkeiten sitzt auch bei allen anderen SPD-Mitgliedern tief.

Dies ist verständlich. Und dennoch: Eine Flucht aus der Berliner Regierungsverantwortung würde zum jetzigen Zeitpunkt alles nur noch schlimmer machen – für die SPD und vor allem für die Republik insgesamt. Stattdessen sollte die Devise lauten: Endlich effektiver mit der Union regieren, wozu auch der Austausch einzelner Minister gehören kann. Denn grundsätzlich gehören die Besten einer Partei ins Kabinett. Dies gilt erst recht dann, wenn es – wie momentan in Berlin – für das eigene Team schlecht läuft.

Und mit Sigmar Gabriel verfügt die SPD über ein Mitglied, das alle politikentscheidenden Stärken besitzt: hohe Popularität. starke Rhetorik, viel Erfahrung und Expertise. Sein einziges Manko: Die aktuelle SPD-Führung wollte ihn aus persönlichen und intern-atmosphärischen Gründen nach der Bundestagswahl nicht im Spitzenteam behalten. Er wurde ausgebootet. Doch kann und will es sich die SPD tatsächlich leisten, einen solchen Leistungsträger auf Dauer außen vor zu lassen?

Unabhängig davon müssen die Sozialdemokraten eine schonungslose Fehleranalyse betreiben. Hier genügt es keinesfalls, auf die Schwachpunkte und Fouls der Gegenseite zu verweisen. So negativ diese im Einzelfall für die SPD auch gewesen sein mögen, die Ursachen der Krise sind hausgemacht und liegen tiefer: Verschlafen von Trendwechseln, Schönreden von realen Problemen, falsche Schwerpunktsetzungen, persönliche Vertrauensverluste – vieles kam zusammen, was in die aktuellen Krise mündete.

All dies kann nicht über Nacht aufgearbeitet und geändert werden. Aber der Klärungs- und Erneuerungsprozess muss jetzt beginnen, wann denn sonst? Anderenfalls könnten Wahlergebnisse wie am Sonntag in Bayern zur Regel werden – eine für die SPD und die Stabilität der deutschen Demokratie höchst beunruhigende Perspektive.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)