Frank-Walter Steinmeier darf zufrieden sein. Dass Union und Sozialdemokraten nach langem Hin und Her eine gemeinsame Regierung bilden, ist ganz wesentlich auch sein Verdienst. Als Steinmeier vor einem Jahr sein Amt als Bundespräsident antrat, war eine solche Vermittlungsaktion nicht zu erwarten gewesen. Stattdessen wurden vom Staatsoberhaupt intellektuelle Denkanstöße und wegweisende Reden gefordert – der Vorgänger Joachim Gauck hatte hier Maßstäbe gesetzt. Steinmeier blieb in dieser Hinsicht eher blass.

Ganz anders jetzt bei der Regierungsbildung. Dort bewies Steinmeier in heikler Lage strategische Weitsicht und einen Blick fürs Machbare – eine Bewährungsprobe, die er hervorragend bestanden hat. Der Präsident war mit allen Akteuren dank langer Zusammenarbeit bestens vertraut. Zudem weiß er um die Besonderheiten der jeweiligen Parteien und kann die Kompromissmöglichkeiten entsprechend gut einschätzen.

Vor allem aber wirkt es doppelt glaubwürdig, wenn ein altgedienter Politprofi wie Steinmeier hinter geschlossenen Türen ein Ende des selbstgerechten Taktierens verlangt. Seine sozialdemokratischen Parteifreunde wussten, dass Steinmeier ihnen nicht leichtfertig einen Kurswechsel in Richtung Union abverlangen würde. Und zugleich war sein Appell ans verfassungspolitische Gewissen eine gute Möglichkeit für die SPD-Spitze, sich halbwegs gesichtswahrend von ihrer bisherigen Position zu verabschieden. Das Drängen des Genossen im Schloss Bellevue führte denn auch zum gewünschten Ergebnis, sprich der Großen Koalition.

Doch solche bundespolitischen Phasen, in denen vor allem feiner Stil und geschickte Diplomatie den Ausschlag geben, sind zum Glück die große Ausnahme für einen Bundespräsidenten. Die Normalität ist schlichter. In der Regel muss das Staatsoberhaupt nicht durch gemeinwohl-orientiertes Krisenmanagement sondern durch das öffentliche Wort überzeugen. Das fällt Steinmeier aber bislang deutlich schwerer.

Der frühere Außenminister ist ein Mann der leisen Töne. Gewiss, seine Reden sind klug und ausgewogen. Aber sie wirken in der politischen und gesellschaftlichen Debatte oft eher beiläufig. Eine vernünftige Stimme unten vielen – sehr ehrenwert, aber doch für einen Bundespräsidenten am Ende zu wenig. Man kann daher nur hoffen, dass Steinmeier künftig auch in seinen Reden mutiger und energischer wird, so wie er es jetzt hinter verschlossenen Türen bei der Koalitionsbildung getan hat.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)