Die Rolle der tunesischen Behörden im Fall Amri ist keineswegs so fehlerfrei gewesen, wie sie Premier Chahed jetzt bei seinem Besuch in Berlin darstellt. Wären die Ersatzpapiere für den Berliner Attentäter rechtzeitig ausgestellt worden, hätte das Attentat neben der Berliner Gedächtniskirche vermutlich nicht stattgefunden.

Aber heutige Schuldzuweisungen in Richtung Tunesien sind müßig, ja letztlich kontraproduktiv. Chahad darf nicht verprellt werden. Der Blick muss nach vorn gehen. Und da ist Kooperation statt Konfrontation der einzige Weg, um gemeinsam mit Tunesien Fortschritte in Flüchtlings- und Sicherheitsfragen zu erreichen.

Dies muss politisch und wirtschaftlich auf Augenhöhe geschehen. Deutschland hat ein massives strategisches Interesse daran, dass sich Tunesien weiter stabilisiert und vor allem für die dort lebende Jugend Perspektiven bietet. Das heißt im Klartext: Mehr finanzielle und personelle Hilfen, um Arbeitsplätze zu schaffen und die staatliche Infrastruktur inklusive Sicherheitsapparat nach heutigen Standards zu verbessern.

Geldtransfers, technische Unterstützung, Austauschprogramme für Beamte – alles ist sinnvoll, wenn es von der tunesischen Regierung für konkret benannte Projekte gewünscht wird. Entscheidend ist, dass auf diese Weise langfristig Fluchtursachen beseitigt werden.

Allerdings kann eine solche Hilfe nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Tunesien muss seinerseits noch schneller als bisher seine Staatsbürger zurücknehmen, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Chahab zeigte hier in Berlin guten Willen. Aber vom Büro des Ministerpräsidenten bis in die Amtsstuben der Bürokratie kann es ein weiter Weg sein. Da muss noch kräftig Tempo gemacht werden. Denn Verzögerungen wie im Fall Amri darf es künftig nicht mehr geben.

Doch auch auf deutsche Seite gibt es reichlich Verbesserungsbedarf. Ganz offenkundig ist die Zusammenarbeit der hiesigen Behörden recht mäßig gewesen – mit schrecklichen Konsequenzen. Deshalb darf der Blick auf Defizite in Tunesien nicht von den Schwächen der deutschen Sicherheitsorgane ablenken. Hier haben die verantwortlichen Politiker in Bund und Ländern den direkten Zugriff – von Umorganisationen bis hin zu Entlassungen. Es wird höchste Zeit, dass sie dieser Pflicht ungeachtet des bevorstehenden Wahlkampfs auch nachkommen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)