Der EU stehen nach dem Brexit-Votum unruhige Zeiten bevor. Noch dramatischer ist die Lage in Großbritannien. Millionen Bürger scheinen dort erst jetzt zu begreifen, was sie mit ihrer Stimmabgabe angerichtet haben. Sie fühlen sich verraten und verkauft, wollen um jeden Preis in der EU bleiben und fordern ein neues Referendum. Und die Sieger der Abstimmung? Sie sind entweder abgetaucht oder widerrufen bereits ihre Wahlkampfversprechen – ein Desaster in Sachen politischer Kultur.

So dürften sich viele Briten die Augen reiben, wenn sie lesen, wie schnell etwa Ukip-Chef Nigel Farage von seiner Forderung abrückt, Zahlungen an die EU künftig ins Gesundheitssystem umzuleiten. Vor der Stimmabgabe hatten Brexit-Befürworter wie Farage und Boris Johnson noch das Blaue vom Himmel versprochen, es wurde verharmlost oder schlicht gelogen. Jetzt soll alles nicht so gemeint gewesen sein.

Und solche Polit-Zocker sollen künftig in London regieren, die Zukunft eines zutiefst geschockten Landes positiv gestalten? Man mag es sich kaum vorstellen. Denn ihre politische Glaubwürdigkeit insbesondere bei der jungen Generation ist auf dem Tiefpunkt. Es droht eine allgemeine Vertrauenskrise, wie sie das Mutterland der modernen Demokratie noch nie erlebt hat. Am Ende könnte das Vereinigte Königreich gar zerfallen.

So haben Schotten durch eine Unabhängigkeitserklärung das Glück einer zweiten Chance. Viel spricht dafür, dass sie sie nutzen wollen. Und in Nordirland drohen wieder überwunden geglaubte Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, wenn die Republik Irland durch eine EU-Außengrenze vom Rest der Insel abgeschirmt wird. Bei solch düsteren Perspektiven – von den wirtschaftlichen Verwerfungen ganz zu schweigen – , stellt sich schon die Frage: Wussten die Brexit-Strategen eigentlich, auf was sie sich einließen? Zweifel sind angebracht, wie die aktuelle Rat- und Sprachlosigkeit bei den Gewinnern des Referendums zeigt. Doch das ist letztlich müßig, weil es kein Zurück mehr gibt.

Die Bürger in den anderen EU-Staaten können zweierlei daraus lernen. Erstens dass man das Rad der Geschichte nicht straflos zurückdrehen kann. Wer von nationaler Autonomie träumt, riskiert Zusammenhalt und Wohlstand des eigenen Landes. Und zweitens, noch wichtiger, dass diejenigen Politiker am gefährlichsten sind, die aus Karrierestreben allein auf Klamauk und überkommene Patentrezepte setzen. Denn politische Rattenfänger wie Johnson und Farage gibt es leider nicht nur in London.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)