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Und wieder einmal haben die britischen Abgeordneten nicht mehrheitlich gesagt, wie sie sich einen machbaren Brexit konkret vorstellen. Das grenzt an Arbeitsverweigerung. Viele Parlamentarier scheinen den Ernst der Lage immer noch zu verdrängen. Da wird es höchste Zeit, dass ihnen jemand anderes die Richtung vorgibt: der Wähler. Eine längere Verschiebung des Brexit verbunden mit der Auflösung des Unterhauses wäre die sauberste demokratische Lösung für die jetzige Blockade. Denn wenn die Repräsentanten ihre Pflicht vergessen, muss der Souverän – sprich das Volk – sie zur Ordnung rufen.

Dass Premierministerin Theresa May ihr bereits zweimal gescheitertes Abkommen erneut zur Abstimmung stellen will, zeigt nur das ganze Ausmaß der Krise. Gleiches gilt für die Verknüpfung des geplanten Votums mit einer Rücktrittsperspektive. Dies ist pure Verzweiflung. Denn am Inhalt des Abkommens ändert sich so überhaupt nichts. Und weshalb soll plötzlich etwas vernünftig sein, was zuvor bei den Parlamentariern mehrfach durchgefallen ist?

Jeder mögliche Austrittsbeschluss, zu dem sich das Parlament vielleicht doch noch in letzter Minute aufrafft, wäre zwar rechtlich bindend: Politisch hätte er jedoch keinerlei Überzeugungskraft mehr. Dafür haben May und die Abgeordneten vor allem in den letzten Tagen und Wochen zu viel Glaubwürdigkeit verspielt.

Im üblichen parlamentarischen Tagesgeschäft mögen unwürdig zustande gekommene Beschlüsse kein allzu großes Problem sein gemäß dem Motto: Nur das Ergebnis zählt. Doch bei einer Jahrhundertfrage wie dem Brexit müssen strengere Maßstäbe angelegt werden. Vor allem die jüngere Generation erwartet zu Recht, dass über ihre Zukunft in Europa nicht wie am Spieltisch entschieden wird.

In London geht es jetzt um eine historische Weichenstellung. Da sind klare Mehrheiten und seriöse, gut nachvollziehbare Argumente gefragt. Nur dann besteht die Chance, dass die tiefen Gräben in der Bevölkerung überwunden werden und das Land am Ende wieder zu einer Einheit zurückfindet.

Ganz offensichtlich ist das Parlament in seiner jetzigen Zusammensetzung mit dieser Aufgabe überfordert ist – von der Premierministerin ganz zu schweigen. Je früher dieses unwürdige Schauspiel durch ein neues Votum des Volkes beendet wird, desto besser.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)