Norbert Röttgen hat Recht: Die CDU muss sich programmatisch erneuern. In den Jahren der Regierung Merkel hat sie viel ihres einstigen konservativen Profils verloren. Zwar muss man nicht gleich wie Röttgen von einer „inhaltlichen Entleerung“ sprechen, aber der Befund bleibt ernst. Die Partei hat sich zu sehr auf die Person der Kanzlerin ausgerichtet.

Immer mehr Bürger gewinnen den Eindruck, dass die CDU das Regieren zunehmend um des Regierens willen anstrebe. Das mag nicht stören, solange die Person an der Spitze als kompetent und populär gilt. Doch sinkt der Stern wie jetzt bei Merkel, tut sich ein dunkles Loch auf. Da wird die neue Kursbestimmung zur Überlebensfrage.

Deshalb sollte nicht überbewertet werden, wen die Kanzlerin aus ihrer Partei ins Kabinett einer möglichen Großen Koalition berufen wird. Gewiss, neue Gesichter sind wünschenswert. Doch viel wichtiger ist, dass die CDU wieder auf eigene inhaltliche Füße kommt statt bloß die teilweise abrupten Kurswechsel ihrer Vorsitzenden im Nachhinein abzunicken.

Man denke etwa an die Abschaffung der Wehrpflicht oder den überraschenden Atomausstieg. Diese strategischen Veränderungen erfolgten quasi über Nacht und im Alleingang. Egal, was man davon rein sachlich halten mag: die Mitglieder der CDU wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Profil der Partei verlor sich in zunehmender Beliebigkeit – ein idealer Ansatzpunkt für politische Gegner wie die AfD.

Umso wichtiger wird es, dass sich die CDU jetzt auf die Zeit nach Merkel vorbereitet. Dafür hat sie im besten Falle vier Jahre Zeit. Solange will die Kanzlerin noch im Amt bleiben, sollte die Große Koalition zustande kommen.

Unabhängige Köpfe wie Jens Spahn, Daniel Günther oder auch Norbert Röttgen müssen die Impulse für die fälligen Debatten geben. Denn Merkel selbst dürfte hier wenig Initiative zeigen. Sie möchte erfahrungsgemäß möglichst frei von Vorgaben der Partei regieren können. Damit war sie in der Vergangenheit erfolgreich. Auch die CDU profierte davon. Doch jetzt wird diese Fokussierung auf die Person Merkel zunehmend zur schweren Hypothek für die Zukunft der Partei.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)