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Dass die UN-Klimakonferenz ausgerechnet jetzt in Bonn beginnt, könnte sich als Glücksfall für die deutsche Politik erweisen. Denn die Beratungen der rund 3000 internationalen Experten erfolgen zeitgleich mit der Suche von Union und SPD nach einer gemeinsamen Strategie. Das verspricht fachliche und atmosphärische Impulse. Und die haben die Regierungspartner dringend nötig. Denn sie sind den Klimaschutz bislang recht zögerlich angegangen. Dabei ist er längst zur Schicksalsfrage auch für diese Koalition geworden. Dies haben die jüngsten Europawahlen auf drastische Weise deutlich gemacht.

Das Aus der gemeinsamen Regierungsarbeit ist bedrohlich näher gekommen. Und die bevorstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland erhöhen den Druck vor allem auf Union und SPD noch einmal zusätzlich. Schnelle und wirksame Antworten sind gefragt, aber die gibt es nun mal nicht zum politischen und sozialen Nulltarif.

Dies zeigt sich beispielhaft an der Zukunft des Braunkohleabbaus in der Lausitz. Natürlich wäre es ökologisch sinnvoll, hier einen sofortigen Schlussstrich zu ziehen. Doch dies hätte immense Auswirkungen auf das Leben und Arbeiten der Menschen in der betreffenden Region. Sollen sie etwa allein die Zeche für gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen bezahlen? Das mag für den Rest der Republik bequem sein. In den wirtschaftlich ohnehin schon schwachen Gebieten würde dies jedoch in den Niedergang inklusive politischer Radikalisierung führen.

Das darf keine Bundesregierung zulassen. Sie muss einen praktischen Ausgleich zwischen Klimaschutz und sozialen Interessen finden. Leider hat dieser Prozess bislang keine Wende im Kampf gegen die zunehmende Erderwärmung erbracht. Die Belange der Arbeitnehmer und der Industrie konnten sich eher durchsetzen als die Erfordernisse des Klimaschutzes.

Dieses Kräfteverhältnis hat sich für die Koalition inzwischen schockartig gewandelt. Plötzlich hat auch das Klima eine politisch potente Lobby erhalten: Bürger an den Wahlurnen, junge Menschen auf Demonstrationen für eine saubere Zukunft. Entsprechend groß ist nun der Erfolgsdruck für die Berliner Koalition, den Ausgleich zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichen Standortinteressen neu zu justieren. Das wird höchste Zeit, wie auch die Beratungen der Bonner Klimakonferenz zeigen werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)