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Die vergangene Woche hätte in London kaum dramatischer verlaufen können. Boris Johnson versuchte mit allen Mittel, dem Parlament seinen Willen in Sachen Brexit aufzuzwingen. Das Verhalten des Premiers gegenüber der eigenen Fraktion grenzte an Psychoterror. Und die Parteiausschlüsse von Kritikern verletzten alle Formen des Anstands.

Dass ausgerechnet ein konservativer Regierungschef jahrhundertealte Gepflogenheiten im Unterhaus derart mit Füßen treten könnte, hätte sich wohl kein Tory bislang vorstellen können. Doch Johnson kennt weder Moral noch Skrupel, wenn er seinen Kurs durchsetzen will. Das macht ihn so eminent gefährlich für die britische Demokratie.

Niemand weiß momentan, wo all dies enden wird. Nur klar ist schon jetzt: Johnson spielt in beispielloser Weise mit dem Zusammenhalt im Vereinigten Königreich – siehe etwa die wachsenden Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten. Er ist schon deshalb einer der schlechtesten Premierminister, die Großbritannien jemals hatte.

Doch einen großen Lichtblick gibt es bei alledem: den Mut und das nationale Verantwortungsgefühl von konservativen Abgeordneten, die dem Premier die Gefolgschaft versagten. Mehr noch, sie legten ihm rechtliche Fesseln an, die einen ungeordneten Brexit Ende Oktober verhindern sollen. Auch so etwas widerspricht allen Gepflogenheiten in London. Denn das dortige Regierungssystem basiert auf der politischen Einheit von Kabinett und Mehrheitsfraktion im Unterhaus auf der einen Seite, die auf der anderen Seite von einer möglichst starken Opposition kontrolliert wird.

Wechselnde Mehrheiten sind in diesem Gefüge nicht vorgesehen. Umso dramatischer und beeindruckender das jüngsten Ausscheren von teilweise hochangesehenen und verdienten Abgeordneten aus Johnsons eigner Partei. Diese Politiker folgten nur ihrem Gewissen, was der Premier in seinem eitlen Machtwahn wohl nicht für möglich gehalten hatte.

Entsprechend ratlos wirkt Johnson momentan. Sein erhoffter Durchmarsch in einen ungeordneten Brexit Ende Oktober ist gescheitert. Und auch die von ihm angestrebten Neuwahlen dürften später erfolgen, als in seinem Karriereplan vorgesehen. Zu tief sitzt verständlicherweise die Furcht der Opposition, dieser Premier könne sie womöglich im letzten Moment auszutricksen versuchen  und das Land Ende Oktober doch noch in ein ungeregeltes Brexit-Abenteuer stürzen wollen.