Respekt. Bernie Sanders hat gezeigt, dass er weit mehr als ein zorniger alter Mann ist, der einen ideologischen Feldzug gegen die Wall Street und das Washingtoner Polit-Establishment führt. Er kann auch mit Anstand verlieren und dann verantwortungsbewusst nach vorne blicken. Seine fulminante Parteitagsrede wurde so für Hillary Clinton und die US-Demokraten zum wichtigen Meilenstein auf dem Weg ins Weiße Haus. Allerdings wird es für beide politisch teuer werden.

Die Demokratische Partei muss sich an der Spitze radikal erneuern – sowohl personell als auch strukturell. Die Manipulationsversuche bei Vorwahlen dürfen sich nicht wiederholen können. Sanders war dieses Mal der Leidtragende, die Parteichefin musste deswegen bereits spektakulär zurücktreten. Aber die Affäre hat im nachhinein auch Clinton sehr geschadet. Die Sanders-Anhänger fühlen sich verständlicherweise betrogen und in ihrem Misstrauen gegen „die da oben“ bestätigt. Clinton als Verkörperung des Establishments im guten wie schlechten Sinne muss diese kritischen Aktivisten politisch für sich gewinnen, um bei der Wahl im November zu siegen. Dazu muss sie programmatische Zugeständnisse machen und vor allem persönlich keine neuen Angriffsflächen bieten. Das ist heikel aber möglich.

Der gemeinsame Gegner Donald Trump sorgt bei den US-Demokraten zwar momentan für einen Schulterschluss. Allerdings sollte dessen Festigkeit nicht überschätzt werden. Denn so weit Sanders und Trump auch von Werdegang und Weltanschauung auseinanderliegen mögen, in einem ähneln sie sich: Im Bestreben, den Verlierern des amerikanischen Traums Stimme und Selbstvertrauen zu geben. Sanders appelliert dabei an Vernunft und Solidarität, Trump an Vorurteile, Neid und Egoismus. Die jeweiligen Grenzen sind hier im heutigen Amerika leider fließend. Und genau dies macht diese Wahl eines neuen US-Präsidenten so schwer kalkulierbar.

Für Clinton beginnt in Philadelphia der Endspurt ums Weiße Haus. Ihre Chancen auf den Sieg bleiben dank der Rede von Sanders günstig – trotz der jüngsten Mailaffäre und der gestiegenen Umfragewerte für Trump nach dem Parteitag der Republikaner. Denn die frühere Außenministerin ist mit Abstand kompetenter und erfahrener als ihr Konkurrent. Doch ob dies reicht, ist offen. Denn in den drei Monaten bis zur Wahl Anfang November kann noch viel geschehen und an Schmutzigem „aufgedeckt“ werden…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)