Selten war eine Klausursitzung der CSU-Landesgruppe so wichtig und brisant wie dieses Jahr. Im Kern geht es bei dem Treffen im ehemaligen Kloster Seeon um die Frage, ob mit Blick auf die CDU der Begriff Schwesterpartei nur noch Lippenbekenntnis ist oder wieder mit Leben gefüllt werden kann. Keine leichte Aufgabe für die Abgeordneten. Denn politischen Sprengstoff gibt es zwischen beiden Parteien reichlich.

Man denke nur an die Themen Flüchtlinge und innere Sicherheit. Die CSU steckt hier in einem Dilemma. Schwenkt sie auf Angela Merkels recht liberalen Kurs ein, verprellt sie ihre konservative Klientel und gefährdet die eigene Glaubwürdigkeit. Bleiben die Christsozialen dagegen weiterhin auf demonstrativer Distanz zur Kanzlerin, zersplittern sie die Unionskräfte und riskieren im Herbst ein Debakel bei der Bundestagswahl. Beide Alternativen sind heikel und bedeuten ein schlechtes Omen für die aus CSU-Warte viel wichtigere Landtagswahl in 2018.

Und genau diese Ausrichtung auf die bayerische Landtagswahl macht die Partei bundespolitisch so schwer berechenbar. Denn im Zweifel ist ihnen der Machterhalt in München tausendmal lieber als das Mitregieren in Berlin. Für die Christsozialen geht es 2018 buchstäblich um alles: das Selbstverständnis einer mit absoluter Mehrheit regierenden konservativen „Staatspartei“, die nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Bayern tief geprägt hat. Und mit der AfD ist nun ausgerechnet auf dem rechten Rand eine Konkurrentin aufgetaucht, die diese Machtfülle in Gefahr bringt – und dies obendrein noch in einer Phase, in der die CDU-Kanzlerin eine konservative Bastion nach der anderen räumt, von der Wehrpflicht über die friedliche Atomnutzung bis hin zum Nein zur Zuwanderung.

Doch Lamentieren über Merkel hilft in Seeon am Chiemsee nicht weiter. Die CSU muss sich endlich entscheiden, ob sie mit oder gegen die Kanzlerin in den Bundestagswahlkampf ziehen will. Beides gleichzeitig geht nicht, weil das nur die eigene Klientel verwirren würde. Diese will verständlicherweise wissen, woran sie mit der CSU ist. Zünden Horst Seehofer und seine Gefolgsleute dagegen weiter politische Nebelkerzen, könnte sich die Konkurrenz freuen. Bei der wissen die Wähler wenigstens woran sie sind. Weshalb dann noch für eine CSU stimmen, bei der niemand sicher ist, wofür und für wen sie am Ende wirklich steht…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)