Der türkische Vormarsch mit Panzern in den Norden Syriens hat schon jetzt einen Verlierer: die dortige Zivilbevölkerung. Deren unvorstellbar großes Leiden geht in eine weitere Runde. Ein Ende ist nicht abzusehen. Und genau dies muss sich ändern.

Es wird höchste Zeit für eine internationale Lösung des schrecklichen Konflikts. Der Westen, die Türkei, Russland und der Iran sollten endlich ohne Tabu miteinander verhandeln. Dazu gehört auch die Zukunft von Syriens Diktator Assad. Dessen persönliches Schicksal darf einer möglichen Einigung nicht länger im Wege stehen. Im Interesse der Zivilbevölkerung sollten Stabilität und ein Ende des Blutvergießens die entscheidenden Kriterien werden.

Der aktuelle Besuch von US-Vizepräsident Biden in Ankara bietet eine gute Gelegenheit, solch neue Perspektiven auszuloten. Denn Amerikaner und Türken sind militärische Verbündete, aber setzen in Syrien auf unterschiedliche Kräfte. Dies schadet beiden. So grenzt es an Selbstzerfleischung, wenn Ankara syrische Kurden angreift, die Washington wiederum als Speerspitze im Kampf gegen den Islamischen Staat fördert. Je länger solche militärischen Wirren andauern, desto besser für die Terroristen vom IS – dem gemeinsamen Feind der USA, der Türkei und aller übrigen Akteure.

Mit Gewalt ist dieser Konflikt ohnehin nicht zu beenden. Dafür sind viel zu viele starke ausländische Mächte im Spiel. Umso dringender ist jetzt eine diplomatische Initiative. Sonst drohen eine humanitäre Katastrophe, weitere Attentate wie jüngst im Südosten der Türkei und politische Verwerfungen, die keiner der bisherigen Akteure mehr steuern kann.

Gewiss, noch zeichnet sich kein Licht am Horizont ab. Aber dies sollte nicht zu Resignation führen, sondern – im Gegenteil – die Suche nach Frieden und einem Stopp des IS-Terrorismus nur weiter beschleunigen. Dabei könnten zwar mit Blick auf Assad auch Kompromisse notwendig werden, die nach normalen Maßstäben kaum vertretbar sind. Doch was heißt angesichts der Verheerungen im Syrienkonflikt schon normal? Und sollten die Kämpfe etwa so lange weitergehen, bis die Gerechtigkeit auf ganzer Front militärisch gesiegt hat? Das könnte dauern, Ausgang ungewiss.

Insofern ist dies kein vernünftiger Weg. Denn wegen der Unfähigkeit von Politikern zu verhandeln dürfen nicht weitere Millionen Menschen ins Unglück gestürzt werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)