Seite auswählen

Die CDU lebt nach dem Merkel-Verzicht so richtig auf. Vorbei die Zeit der zuletzt bleiernen Dominanz durch die große Vorsitzende, vorbei die Phase blasser Personalien und weichgespülter Programmentwürfe. Die Partei freut sich zu Recht auf spannende Kandidaturen und damit verbundene neue Ideen für die künftige Politik.

Vielen Bürgern dürfte es ähnlich gehen. Denn zumindest bis zum Parteitag Mitte Dezember sind in der CDU lebhafte Debatten über die künftige Richtung in allen zentralen Regierungsbereichen zu erwarten. Das ist Demokratie pur und könnte der Partei bei künftigen Wahlen einen Schub nach vorn geben – Merkels letzter großer Dienst an ihrer Partei.

Hinzu kommt, dass die bisherigen Bewerbungen recht unterschiedliche Akzente setzen. So würde CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wohl eher an Stil und Inhalte der Kanzlerin anknüpfen als ihre Konkurrenten. Die Saarländerin gilt als Vertraute von Angela Merkel. Aus heutiger Sicht könnte gerade diese Nähe ein Risiko darstellen. So hat kürzlich die überraschende Niederlage des langjährigen Union-Fraktionschefs Volker Kauder gezeigt, dass Unterstützung durch Merkel mittlerweile zum Karriererisiko werden kann.

Diese Gefahr besteht bei Friedrich Merz und bei Jens Spahn nicht. Sowohl der frühere Fraktionsvorsitzende als auch der heutige Gesundheitsminister wahren seit längerem Distanz zur Kanzlerin. Beide würden daher stärker für einen Neuanfang stehen als Kramp-Karrenbauer. Und der 38-jährige Spahn kommt zudem aufgrund seines Alters dem Wunsch nach einem Generationenwechsel entgegen. Ob der Hamburger Parteitag allerdings hierbei mitzieht, steht auf einem anderen Blatt. Denn vielen gilt Spahn als überehrgeizig und noch zu jung.

Auch Friedrich Merz hat einen Schwachpunkt: Die lange Abwesenheit aus der großen Politik. Der heutige Wirtschaftsanwalt und frühere Merkel-Rivale verkörpert gleichwohl für wichtige Parteikreise weiterhin in fast idealer Weise den konservativ-liberalen Markenkern der CDU: Ökonomische Kompetenz mit sozialem Verantwortungsgefühl, Weltoffenheit, Eintreten für einen starken und zugleich schlanken Staat. Auch ist Merz seinen Konkurrenten rhetorisch deutlich überlegen. Er würde als CDU-Chef wohl am stärksten für einen atmosphärisch-politischen Bruch mit der Merkel-Ära stehen. Doch auch für Merz gilt: noch ist alles offen…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)