Selten waren Neugier und Erwartungen vor einem EU-Gipfel so groß wie dieses Mal. Der Grund hat einen Namen: Emmanuel Macron. Der neue französische Präsident setzt demonstrativ auf die europäische Einigung. Mit dieser Botschaft hat er die Wahlen in seinem Heimatland gewonnen. Jetzt hängt es ganz davon ab, ob Macron auch seine EU-Kollegen zu einem Mehr an Integration und gegenseitiger Solidarität motivieren kann.

Noch hat der Präsident aus Paris den Charme und Schwung des Neuanfangs, des Unerwarteten. Ihn muss er schnell und entschlossen nutzen, bevor der alte Sand im Brüsseler Getriebe wieder allen Fortschritt lähmt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Macron hat gezeigt, dass er in kurzer Zeit viel bewegen kann.

Außerdem ist wegen des Brexits und der Präsidentschaft von Donald Trump der Einigungsdruck in Brüssel sehr hoch. Selbst Staaten wie Ungarn, Tschechien oder Polen, die zuletzt häufig blockierten, werden zunehmend nervös. Ihre Regierungen beginnen zu spüren, dass sie am Ende die größten Verlierer sein könnten – wirtschaftlich, aber auch mit Blick auf Russland sicherheitspolitisch. Dies eröffnet neue Perspektiven für eine deutliche Stärkung der EU.

Macron bietet Angela Merkel dazu eine Neubelebung der deutsch-französischen Achse aus der Ära Kohl/Mitterrand an. Die Kanzlerin sollte diese Hand beherzt ergreifen. Denn Macron ist kein bloßer Schwärmer, was jetzt auch in Brüssel seine EU-Kollegen schnell merken dürften.

Im Übrigen weiß der französische Präsident, dass er erst seine Hausaufgaben in Frankreich machen muss, bevor er andere in die Pflicht nehmen darf. Das heißt: Zunächst innenpolitische Reformen und dann auf solch gestärkter Basis ebenso tiefgreifende Veränderungen auf europäischer Ebene. Eigeninitiative und Selbstverantwortung statt Anklagen und Anspruchsdenken – einen solchen Stil sind viele in Brüssel nicht mehr gewohnt. Macron hat das Zeug dazu, die politische Kultur der EU positiv zu verändern.

Vor diesem Hintergrund wirken auch die französischen Ideen für eine Straffung der Euro-Zone bis hin zu einem gemeinsamen Finanzminister weniger heikel als früher. Nicht eine Vergemeinschaftung von Schulden scheint jetzt länger im Mittelpunkt zu stehen, sondern der Wunsch nach einem echten europäischen Neuanfang. Und der ist auch dringend geboten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)