Norbert Lammerts Abschiedsrede im Bundestag hat wieder einmal bestätigt, weshalb dieser Präsident ein Glücksfall für das Parlament gewesen ist. Klug, hintergründig, mit Geschichtsbewusstsein und stets einer Prise Witz und Ironie hat er den Abgeordneten Lebewohl gesagt. Das hatte Stil und Substanz. Und zu Recht mahnte er die Abgeordneten, auch in Zukunft für die Rechte des Parlaments als „Herz der Demokratie“ zu kämpfen.

Lammert selbst hat dies während seiner zwölfjährigen Amtszeit stets beispielhaft getan – gelegentlich zum Unmut seiner Parteifreunde und des Kanzleramts. Entsprechend groß sind Anerkennung und Respekt, die er in allen Fraktionen genießt. Denn an Lammerts Neutralität im Dienste des Bundestags herrschte nie ein Zweifel, auch wenn seine Entscheidungen naturgemäß nicht immer allen Betroffenen gleichermaßen gefielen.

Wesentliche Voraussetzung für diese souveräne Amtsführung war Lammerts persönliche Unabhängigkeit. Für ihn gab es beruflich nichts attraktiveres, als Bundestagspräsident zu sein. Mit Karriereversprechen war er nicht zu ködern, weil er – anders als die meisten seiner Abgeordnetenkollegen – nicht an den Kabinettstisch strebte.

Den Bundestag und insbesondere dessen Plenum betrachtete Lammert stets als Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Die Opposition hatte deshalb in ihm einen mächtigen Fürsprecher, wenn sie die Regierungstätigkeit grundsätzlich besser kontrollieren wollte. Rücksicht auf die eigenen Parteiinteressen gab es für ihn nicht. Dafür war Lammert der Bundestag als Forum der Nation viel zu wichtig.

Konsequenterweise lehnte es Lammert deswegen auch ab, Talk Shows im Fernsehen als Bühne für seine Anliegen zu nutzen. Entsprechende Einladungen lehnte er regelmäßig ab. Parlamentsdemokratie statt Mediendemokratie – Lammerts verfassungspolitischer Kompass ließ hier keine Abweichungen zu.

Wie nur wenige andere Politiker beherrscht Lammert die Kunst der geschliffenen und freien Rede. Viele hatten erwartet dass er Joachim Gauck als Bundespräsident nachfolgen würde. Lammert wollte leider aus privaten Gründen nicht. Man kann nur hoffen, dass er sich ungeachtet dessen weiter öffentlich äußert. Denn einem Norbert Lammert hört jeder gerne und mit Gewinn zu…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)