Besser hätte Nobert Lammert den Zeitpunkt nicht wählen können. Sein überraschender Verzicht auf eine erneute Bundestagskandidatur verschafft dem Parlamentspräsidenten einen würdigen Abgang von der Berliner Politikbühne. Oder doch nicht ganz? Vielleicht bleibt er ja in der Hauptstadt. Denn die Debatte über die Wahl des Gauck-Nachfolgers könnte jetzt neuen Schwung bekommen.

Union und SPD sollten Lammert zu einer Kandidatur bewegen. Der Bochumer wäre eine optimale Besetzung für das höchste Staatsamt: Klug, weltoffen, unabhängig, politisch erfahren – ein Mann des geschliffenen und wegweisenden Worts. Man nehme als Beispiel nur seine jüngste Festrede bei den Einheitsfeiern in Dresden. Sie war ein herausragendes Plädoyer für ein selbstbewusstes, optimistisches und weltoffenes Deutschland. Von Parteipolitik keine Spur. Mit dieser Ansprache hat Lammert die passende Antwort auf die Pöbeleien der Pegida-Anhänger gegeben. Als Bundespräsident könnte er nahtlos daran anknüpfen.

Im Übrigen wird es höchste Zeit, dass Union und SPD ihre gemeinsame Kandidatensuche abschließen. Je länger das Tauziehen hinter den Kulissen dauert, desto eher werden die potenziellen Bewerbungen öffentlich zerredet. Und die betreffenden Personen könnten sich vorschnell zu einem unumstößlichen Nein veranlasst sehen, um das eigene Ansehen zu wahren. Das wäre fatal. Denn gerade in der aktuellen Umbruchphase von Politik und Wirtschaft kommt es auf eine besonders gute Wahl fürs Schloss Bellevue an. Joachim Gauck hat in dieser Hinsicht positive Maßstäbe gesetzt. Daran sollte sich die Große Koalition bei der gemeinsamen Kandidatensuche orientieren.

Unabhängig davon steht fest: Für den Bundestag und den Parlamentarismus in Deutschland ist Norbert Lammert ein Glücksfall. Er prägte und prägt den Debattenstil des Hohen Hauses in freier Rede und mit ironisch-höflichen Zurechtweisungen wie kaum ein anderer Bundestagspräsident vor ihm. Zugleich scheut er keinen Konflikt auch unter Parteifreunden, um Rechte und Stellung des Bundestags im nationalen und europäischen Institutionengefüge zu wahren. Ein solcher Grad an persönlicher und politischer Unabhängigkeit mag für andere Akteure gelegentlich anstrengend sein. Doch wichtig ist allein der Dienst für das Amt und damit das Parlament. Vergleichbares wird auch von einem Bundespräsidenten erwartet – nur in einem noch größeren Maßstab.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)