Noch steht nicht endgültig fest, ob und wann es in Stuttgart tatsächlich Fahrverbote für Dieselfahrzeuge geben wird. Das entsprechende Urteil des dortigen Verwaltungsgerichts kann noch juristisch angefochten werden. Gleichwohl ist der Richterspruch schon jetzt ein weiterer schwerer Rückschlag für die Autoindustrie und deren Kunden.

Käufern von Diesel-Pkw drohen empfindliche Einschränkungen ihrer Mobilität. Das birgt immensen sozialen und politischen Sprengstoff. Denn gerade ältere Dieselmodelle werden häufig von Personen gefahren, die sich teurere Elektro- oder Benzinfahrzeuge nicht leisten können. Sind die Armen nun die Dummen?

Auch volkswirtschaftlich muss jetzt höchste Alarmstufe herrschen. Die Automobilindustrie ist viel zu wichtig, um bloß schadenfroh mit dem Finger auf ertappte Umweltsünder und gierige Manager zu zeigen. Neue Wettbewerber etwa aus China und den USA warten nur darauf, bei den Themen Elektro und selbstfahrende Autos die etablierten Premiumanbieter aus Deutschland an den Rand zu drängen. Und dabei spielen ihnen die jüngsten Skandale leider massiv in die Hände.

In diesen Zusammenhang gehören auch die Betrügereien und Hinhaltetaktiken beim Thema saubere Dieselmotoren. Wenn die deutschen Konzerne weiterhin derart am Pranger stehen, kann die ausländische Konkurrenz so richtig Fahrt aufnehmen. Die Folgen für den hiesigen Arbeitsmarkt und Wohlstand könnten verheerend sein.

Das jüngste Stuttgarter Urteil zeigt einmal mehr, wie zugespitzt die Lage mittlerweile ist. Denn die Unternehmen haben die umweltpolitischen Zeichen der Zeit völlig verkannt. Sie konzentrierten sich vornehmlich auf Kostenminimierung statt auf ihre eigentliche Kernkompetenz: Das Entwickeln von moderner und massentauglicher Spitzentechnik zu bezahlbaren Preisen.

Es wird höchste Zeit, dass Politik und Wirtschaft überzeugende Antworten auf die Krise finden. Der bevorstehende Diesel-Gipfel kommende Woche in Berlin muss deshalb zu konkreten Ergebnissen führen. Bund, Länder und Autoindustrie sollten hier endlich ehrlich und gemeinsam die zu hohe Luftverschmutzung durch den Autoverkehr bekämpfen. Denn das Thema ist viel wichtig, um es de facto Verwaltungsrichtern wie jetzt in Stuttgart zu überlassen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)