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Unabhängig vom konkreten Votum für die jeweiligen Kandidaten der Republikaner und Demokraten gibt es einen zentralen Verlierer der jüngsten US-Zwischenwahlen: die politische Kultur. Das Klima zwischen den Parteien ist vergifteter denn je. Lügen und Halbwahrheiten, Hass und Hetze bestimmten weitgehend den Wahlkampf. Man erinnere sich nur an die Attacken gegen angeblich kriminelle Einwanderer, gegen ausländische Firmen als „Feinde“ amerikanischer Arbeiter und an die martialischen Drohungen gegen verzweifelte Migranten aus Richtung Mexiko.

Gewiss gab es rühmliche Ausnahmen in Form sachlich und human geführten Kampagnen. Doch liefern sie nicht das prägende Bild von einem der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der amerikanischen Demokratie. Es wird lange dauern, bis sich die USA von diesem politisch-moralischen Desaster erholt haben.

Eine große Schuld daran hat der amtierende Präsident. Donald Trump scheut keine Provokation, keine gezielte Unwahrheit, um seine Anhänger zu mobilisieren. Dieser Stil ist das eigentliche Probleme, weniger die von Trump verfolgten Inhalte. Denn natürlich darf über Einwanderung, muss über die richtige Iran-Politik oder über Freihandel heftig gestritten werden. So etwas gehört zu den Grundregeln der Demokratie. Aber auch hier gilt: Der Ton macht die Musik.

Die Schamlosigkeit, mit der in den USA momentan von einem Präsidenten Tatsachen verdreht und als „Fake News“ verunglimpft werden, ist beispiellos in der amerikanischen Geschichte. Fakten und Fiktion werden im Weißen Haus gleichgesetzt, Werte gelten als Waren, die sich bei Bedarf verramschen lassen. Und dieser Verfall zieht Kreise bis in die hintersten Winkel der USA. Entsprechend rüde verlief in Teilen des Landes der Zwischenwahlkampf, zumal Trump selbst ungewöhnlich oft in besonders umkämpften Bezirken als Redner auftrat und die Stimmung anheizte.

Und dennoch besteht kein Grund zur Resignation. Die Amerikaner sind Meister in der Kunst des Neuanfangs. Kreativität, Gründergeist und ein ausgeprägtes Vertrauen in die eigenen Kräfte haben die Nation immer wieder aus Krisen geführt. Die Selbstheilungskräfte der US-Demokratie bleiben stark, auch wenn dieses Mal die Schäden und Gefahren besonders groß sind.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)