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Donald Trump mag ein noch so schillernder und schlechter Präsident sein: Ein guter Schauspieler ist er allemal. Dies hat seine erste Rede zur Lage der Nation eindrucksvoll gezeigt. Trump polterte, beleidigte, log nicht wie bei vielen früheren Auftritten oder in seinen berühmt-berüchtigten Twitter-Nachrichten. Stattdessen lobte er, rief zur Einigkeit auf und pries eigene Erfolge – gewiss keine rhetorischen Glanzstücke, aber doch zumeist die richtigen Worte für sein Publikum im Kongress und vor den Fernsehschirmen.

Nur spricht leider nichts dafür, dass dies der wahre Trump ist. Dafür ist seine Persönlichkeit zu bizarr, seine bisherige Politik zu unberechenbar gewesen. Amerika bleibt auch nach dieser Rede eine tief gespaltene Nation. Der Präsident hat von Brücken gesprochen, aber sie nicht gebaut. Denn im Kern richtete sich die Ansprache vor allem an die Bürger, die Trump vor gut einem Jahr ins Weiße Haus gewählt hatten. Deren Wünsche, Träume und Ressentiments wollte der Präsident bedienen.

Dies ist ihm gelungen, ohne dabei im Rest der Bevölkerung neue Wunden aufzureißen. Die bisherigen sind allerdings schon mehr als genug. Entsprechend niedrig sind Trumps Umfragewerte. Aber dies zählt wenig, wenn die Mehrheit – wie im vergangenen November – zwar murrt aber nicht wählen geht, während Trumps Klientel motiviert ihre Stimmzettel ausfüllt.

Gewiss, die US-Wirtschaft ist auf Erfolgskurs, die Aktienkurse sind hoch und die Arbeitslosenzahlen niedrig. Trumps Steuerkonzept befeuert diese Entwicklung kurzfristig. Die damit verbundene Schuldenexplosion schert den Präsidenten nicht. Denn sie trifft erst dann in voller Härte, wenn Trump das Haus Weiße Haus wieder verlassen hat.

Gleiches gilt für die Rückkehr zum Protektionismus in der Handelspolitik. Die negativen Folgen werden die US-Wirtschaft langfristig schwächen. Und die internationale Bedeutung der Vereinigten Staaten wird weiter sinken. China ist bereits auf dem besten Weg, die entstehenden Lücken zu füllen. Hierzu hat Trump in seiner Rede an die Nation geschwiegen – ein weiterer Grund für die Europäer, sich nicht länger auf Washington zu verlassen, sondern das eigene Schicksal stärker selbst in die Hand zu nehmen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)