Der angekündigte Wechsel von Martin Schulz nach Berlin ist eine gute Nachricht. Die Bundespolitik wird damit ein Stück weit lebendiger, spannender und authentischer. Davon profitieren alle demokratischen Parteien, aber natürlich in besonderer Weise die Sozialdemokraten. Schulz wird deren teilweise recht biederem Team neuen rhetorischen Schwung verleihen. Denn der Präsident des Europäischen Parlaments ist ein Mann des Worts. Ob er auch ein Mann der Tat – sprich der harten Sachentscheidungen – werden kann, ist dagegen offen.

Schulz war nie Minister. Doch was ihm an praktischer Regierungserfahrung fehlt, könnte er durch seine Persönlichkeit und seine internationale Vernetzung ausgleichen – ein spannendes Experiment auf höchstem Niveau. Es dürfte zeitlich mit der Wahl von Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Februar zum Bundespräsidenten beginnen. Offiziell hat die SPD zwar noch nicht über Steinmeiers Nachfolge entschieden. Aber es gibt niemanden in der Partei, der Schulz den Chefposten im Auswärtigen Amt streitig machen dürfte.

Ob es zu mehr – sprich der Kanzlerkandidatur – reicht, ist fraglich. Sigmar Gabriel hat hier als Parteichef den ersten Zugriff. Zuckt er zurück, ist Schulz dran. Und Gabriel wäre über kurz oder lang auch den geliebten Parteivorsitz los. Denn die SPD würde kaum länger einem Vorsitzenden folgen, der nach 2013 zum zweiten Mal den Kampf ums Kanzleramt scheut.

So oder so, mit Schulz wechselt ein internationaler Polit-Star ins Team der Bundes-SPD. Seine Vorzüge und Qualitäten sind unbestritten. Aber es ist wie im Fußball: Zunächst kommt es darauf an, den prominenten Neuzugang optimal ins Mannschaftsgefüge einzubauen – ohne Reibungsverluste und Ressentiments. Nur dann wird sich die Leistung des Teams insgesamt verbessern.

Unabhängig davon dürfte Schulz die innenpolitischen Debatten in jedem Fall bereichern. Ähnlich wie Bundestagspräsident Norbert Lammert versteht er es, die Werte einer parlamentarischen Demokratie plastisch und offensiv in Worte zu fassen. Und Schulz scheut keinen Konflikt – beides zusammen ein großer Vorzug im Kampf gegen Islamisten, Linksradikale und nicht zuletzt gegen Rechtspopulisten vom Schlage AfD und Pegida. Insofern ist der Wechsel von Schulz nicht nur eine Bereicherung für die SPD sondern insgesamt für die politische Kultur in Deutschland.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)