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In Deutschland wird aus den unterschiedlichsten Motiven und Anlässen demonstriert. Doch selten war eine öffentliche Aktion wichtiger als die Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, zu der die Jüdische Gemeinde der Hauptstadt aufgerufen hat und der sich ähnliche Aktionen in anderen deutschen Städten angeschlossen haben. Der einzige Kritikpunkt: Sie hätte schon viel früher stattfinden müssen mit noch mehr und noch prominenteren Teilnehmern.

Die zunehmenden antisemitische Übergriffe sind fatal und eine Schande. Sie beschmutzen das deutsche Ansehen in der Welt und schlimmer noch: sie sind ein offener Angriff auf die Grundlagen unserer Demokratie. Antisemitismus darf hierzulande in keinerlei Form geduldet werden. Darauf können Politiker und Bürger gar nicht deutlich genug hinweisen. So mag man von der Politik der aktuellen israelischen Regierung halten was man will: eine Rechtfertigung zur pauschalen Verunglimpfung eines ganzen Volkes oder einer Religion kann daraus keinesfalls hergeleitet werden.

Dies gilt auch für Migranten aus Ländern, die in jahrzehntealter Feindschaft mit dem Staat Israel leben. Wer sich auf deutschem Boden befindet, hier gar sesshaft werden möchte, muss sich an die hiesigen Grundwerte anpassen. Sonst droht ein gefährlicher Unfrieden. Denn wohin Antisemitismus letztlich führen kann, hat die deutsche Geschichte auf schrecklichste Weise gezeigt. Hier heißt es klar: Wehret den Anfängen.

Und die sind leider unübersehbar. Es darf nicht länger sein, dass hierzulande das Tragen der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung ein Risiko bedeuten kann. Die entsprechende Warnung des Zentralrats der Juden sollte auch das Bundeskabinett einschließlich Kanzlerin aufschrecken. Eine Teilnahme an der jüngsten Solidaritätskundgebung hätte jedem Regierungsmitglied gut angestanden. Denn die politische Bekämpfung von Antisemitismus sollte angesichts des Holocausts für jeden Amtsinhaber Ehrensache sein.

Und auch für jeden demokratisch gesonnenen Bürger. Ganz abgesehen von prinzipiellen Gründen liegt es im Interessen jedes Einzeln, hier klar Flagge zu zeigen. Denn sobald Juden sich auf deutschen Straßen nicht mehr unbehelligt aufhalten können, gibt es in Sachen Ausgrenzung, Willkür und Hass auch bei anderen Gruppen keine Tabus mehr – ein Alptraum für das gesellschaftliche Zusammenleben.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)