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Viel spricht dafür, dass Russland den Konflikt an der Meerenge von Kertsch provoziert hat. Die Empörung in der Ukraine ist daher verständlich. Gleiches gilt für die Solidaritätsbekundungen aus dem Westen, die mit entsprechend harten Vorwürfen an Moskau verknüpft werden. Noch wichtiger als verbale Empörung sind jedoch praktische Versuche, die Lage nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

Das jüngste Telefonat von Kanzlerin Merkel mit Kremlchef Putin kann deshalb nur begrüßt werden. Die dabei besprochene Möglichkeit, ukrainische und russische Grenzschützer die Lage analysieren zu lassen, deutet Moskauer Gesprächsbereitschaft an. Kiew sollte darauf eingehen, statt seinerseits martialische Töne anzuschlagen und die Lage so weiter zu verschärfen.

Es liegt im Interesse der Ukraine, den Konflikt von Experten behandeln zu lassen oder – besser noch – auf die Ebene internationaler Diplomatie zu verlagern. Dort besteht am ehesten die Chance, halbwegs unbeschadet aus der Krise herauszukommen und die wichtige Zufahrt ins Asowsche Meer freizuhalten. Auch die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation lässt sich am ehesten verringern, wenn beide Seiten offen miteinander sprechen.

Gewiss, der Ukraine mag eine solche Zurückhaltung angesichts der russischen Übergriffe schwer fallen. Doch Recht und Gerechtigkeit lassen sich nicht mit der Brechstange durchsetzen, wenn das Gegenüber militärisch haushoch überlegen ist und für sich das Recht des Stärkeren in Anspruch nimmt. Hier hilft nur ein Spiel auf Zeit, genutzt für politische Vorstöße in Verbindung mit erhöhtem wirtschaftlichen Druck – sprich Fortdauer oder gar weitere Verschärfung der westlichen Sanktionen gegen Moskau.

Denn militärisch mag Putins Macht noch so groß sein, ökonomisch steht seine Herrschaft auf schwachen Füßen. Entsprechend vorsichtig muss der Kremlchef auf internationaler Bühne agieren, damit seine Aggressionen am Ende nicht auch der Wirtschaft und den Wählern des eigenen Landes schaden. Für Merkel und ihre westlichen Amtskollegen bietet sich hier der entscheidende Hebel, um der Ukraine zu helfen und zugleich die europäische Sicherheitsordnung wieder zu festigen. Denn klar ist: Putin achtet auf seine Interessen. Und die gebieten, es mit ökonomisch wichtigen Partnern nicht völlig zu verscherzen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)