Während die ersten amerikanischen Diplomaten bereits Moskau verlassen, gerät die britische Regierung im Fall Skripal immer heftiger in Erklärungsnot. Denn bislang konnte sie öffentlich keinerlei Beweise für ihren Vorwurf präsentieren, dass der Kreml tatsächlich für den Giftgasanschlag auf den früheren Doppelagenten und seine Tochter in Großbritannien verantwortlich ist. Stattdessen werden heftige Anschuldigungen erhoben und Botschaftsangehörige ausgewiesen. Das ist – gelinde gesagt – unverständlich, ja abenteuerlich.

Weshalb warten London und der Westen nicht so lange, bis die laufenden chemischen Untersuchungen abgeschlossen sind? Auf ein paar Tage früher oder später dürfte es in einer so wichtigen Sache ja wohl kaum ankommen. Stattdessen droht nun ohne Not eine Eskalationsspirale, die das Klima zwischen Russland und dem Westen gefährlich belastet.

Gewiss, es scheinen viele Verdachtsmomente Richtung Moskau zu zeigen. Sonst hätten sich nicht so viele Regierungen derart deutlich mit Großbritannien solidarisch erklärt. Andererseits bleibt die Frage nach dem möglichen Motiv. Skripal stellte längst keine Gefahr mehr für Russland dar, zumal er dort bereits im Gefängnis gesessen hatte. Eine etwaige „Rache am Verräter“ wäre in dieser Haftzeit viel einfacher gewesen.

Auch die Herkunft des eingesetzten Nervengifts bleibt vorerst ungewiss. Zwar wurden solche Stoffe in staatlichen Einrichtungen in der Sowjetunion und später in Russland entwickelt. Das ist unstrittig. Aber auch andernorts könnte mit dem Nowitschok-Gift gearbeitet worden sein, um sich vor dieser Substanz besser schützen zu können. Genannt werden hier von Expertenseite die frühere Tschechoslowakei, der Iran aber auch eine Forschungsanlage in Großbritannien.

So oder so: London muss endlich mehr Fakten auf den Tisch legen. Oder aber es zieht seine Vorwürfe gegen Moskau in aller Form zurück. Gleiches gilt für die EU inklusive Deutschland. Sie sollten erst einmal die weitere Entwicklung abwarten.

Keinesfalls dürfen sich die Europäer bei einer diplomatischen Abenteuertour blind vertrauend vor den Karren von Theresa May spannen lassen. Die britische Premierministerin steht momentan wegen des Brexit innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand. Und da könnte ihr zur Ablenkung und Entlastung eine Russlandaffäre vielleicht nicht ungelegen kommen…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)