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Bei allen Debatten über eine mögliche Große Koalition sollte eines nicht vergessen werden: Union und SPD sind die Verlierer der letzten Bundestagswahl. Vor allem die rechtspopulistische AfD konnte von der wachsenden Politikverdrossenheit in Teilen der Bevölkerung profitieren. Die beiden Volksparteien müssen sich dieser Herausforderung  selbstkritisch stellen. Dazu gehört, die neue Konkurrenz im Bundestag nicht pauschal ins Abseits zu drängen, sondern sich inhaltlich mit ihr auseinander zu setzen.

Eine erste Nagelprobe ist hierfür die  Besetzung der Ausschüsse inklusive deren Vorsitze. Dort sollten Union und SPD nach den üblichen Regeln und Traditionen verfahren, um der AfD keine unnötige politische Munition zu liefern.  Falls eine Große Koalition zustande kommt, würden die Rechtspopulisten die größte Oppositionsfraktion bilden. Dann hätten sie sogar Anspruch auf den ebenso wichtigen wie prestigeträchtigen Vorsitz im Haushaltsausschuss. Er sollte ihnen nicht verwehrt werden.

Dies ist gewiss keine Sternstunde der deutschen Demokratie. Immerhin machen Gauland und Co kein Hehl aus ihren Ressentiments gegen den Berliner Politikbetrieb und Parlamentarismus. Und ausgerechnet sie sollen dort nun herausgehobene Positionen bekommen? Doch Jammern oder gar Tricksen hilft nicht. Im Gegenteil, so würde nur der diffamierende Vorwurf eines Machtkartells der „alten“ Parteien neue Nahrung erhalten. Das wäre fatal. Denn auf solchen Vorurteilen und Verschwörungstheorien – verbunden mit Statusängsten wegen hoher Migrantenzahlen – beruht ein Großteil der jüngsten Wahlerfolge der AfD.

Im Gegenzug muss darauf geachtet werden, dass sich die AfD-Vertreter ihrerseits in den Ausschüssen an die parlamentarischen Spielregeln und Gepflogenheit halten. Verstöße sind öffentlich zu debattieren. Und gegebenenfalls muss die betreffende Person auch die rote Karte bekommen. Ein solch wehrhafter Parlamentarismus ist für eine freiheitliche Demokratie überlebenswichtig.

Die Phase der großen ideologischen Auseinandersetzung mit der AfD sollte für die anderen Parteien zunächst vorbei sein. Stattdessen kommt es jetzt darauf an, die Konzepte und Ideen der Rechten im Detail zu widerlegen. Die Ausschüsse des Bundestags sind dafür geeignete Orte. Die Wähler sollten erkennen können, welch heikle, ja gefährliche Gedanken und Konsequenzen mit diesen Parolen verbunden sind.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)