Weltweit sind am Wochenende Zehntausende auf die Straßen gegangen, um für die Freiheit der Wissenschaft zu demonstrieren. Es hätten noch viel mehr sein sollen. Denn hier geht es nicht um Status oder Privilegien einer einzelnen Berufsgruppe. Der Kern des Anliegens betrifft jeden: Sollen Lügen und Täuschungen künftig genauso viel gelten wie Wahrheit und Ehrlichkeit? Sind Fake News und Fakten beliebig austauschbar?

Bis vor kurzen schien so eine Vorstellung abenteuerlich, ja abwegig. Doch mit dem Wahlsieg von Donald Trump ist sie zumindest in den USA der Wirklichkeit schon bedrohlich nahe gekommen. Dort stellt der Präsident als erster Mann des Staats beispielsweise den Klimawandel oder auch den Nutzen von Impfungen in Frage – und zwar ohne sich gleichzeitig um eine objektive Klärung zu bemühen.

Letzteres ist der entscheidende Punkt. Wer die Suche nach Erkenntnissen und Wahrheit einstellt, verliert jeden Maßstab für vernünftiges Handeln und gesellschaftlichen Konsens. Und wer als Bürger angebliche Erkenntnisse oder Fakten ungeprüft und kritiklos übernimmt, lässt sich gezielt in die Irre führen. Niemand sollte ein solch gefährliches Spiel mit sich machen lassen. Denn erst kommt die freie Wissenschaft unter die Räder, danach die Demokratie.

Doch so berechtigt die Proteste vom Wochenende auch gewesen sind: Universitäten bringen die Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft teilweise auch selbst in Misskredit. So locken Politik und Wirtschaft immer wieder mit Fördergeldern für konkrete Forschungsprojekte, und Hochschulen richten ihre internen Strukturen nach diesen Wünschen aus. Wer viel Geld von außen erhält, genießt alle Privilegien – mehr Geld, höhere Reputation, weitere Mitarbeiter. Das Problem: Wissenschaft droht hier zur Ware zu verkommen, deren Wert sich ausschließlich nach ihrem jeweiligen Gewinn für den Geldgeber bemisst.

Es gibt Forscher, deren Themen der Politik oder Wirtschaft keinen oder wenig konkreten Nutzen versprechen. Was ist mit denen? Ihre Fächer passen nicht zu einer Hochschulkultur der goldenen Zügel. Das ist heikel und bedauerlich. Denn gerade sie kommen dem Ideal einer freien Wissenschaft oft am nächsten: der unabhängigen, zweckfreien Suche nach dem Unerwarteten und überraschend Neuem, dessen Bedeutung sich vielleicht erst sehr viel später erweist.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)