Es fühlt sich irgendwie unwirklich an. Doch jetzt ist es amtlich: Großbritannien hat den Austritt aus der Europäischen Union offiziell beantragt. Ein Zurück von diesem historischen Schnitt mag zwar theoretisch möglich sein. Aber realistisch ist eine solche Perspektive nicht.

In Europa beginnt nun ein beispielloses Feilschen um viel Geld, um die Schicksale von Millionen Menschen und Unternehmen. Entscheidend ist, dass dabei keine zusätzlichen Verwerfungen entstehen. Denn es ist schon mehr als genug politischer Schaden angerichtet worden – zum Nachteil der Briten, aber auch der übrigen Europäer.

Das Votum für den Brexit darf keinesfalls als Votum gegen eine enge Bindung zwischen der britischen Insel und dem übrigen Kontinent umgedeutet werden. Dies betrifft nahezu alle außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitischen Themen. Je besser sich London und Brüssel hier koordinieren, desto leichter werden es beide haben. Denn Großbritannien und die EU sind jeweils viel zu groß und bedeutend, um sich bei zukünftigen Projekten von Terrorismusbekämpfung bis hin zu Verbraucherschutz oder Steuerwettbewerb außen vor zu lassen. Sie sind zum gemeinsamen Erfolg verdammt.

Entsprechend konstruktiv sollten beide Partner jetzt miteinander verhandeln. Insbesondere die Briten dürfen nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen. Denn die EU sitzt im Zweifel am längeren Hebel. Hinzu kommt, dass Brüssel keine Konzessionen machen kann, die in europaskeptischen Mitgliedsstaaten zu Nachahmungseffekten führen könnten. London muss wissen: Alles hat seinen Preis. Wer austritt, geht ein beträchtliches Risiko für sich selbst ein – mögen die Hoffnungen auf die Zeit danach auch noch so positiv sein.

Die EU wird sich jetzt vor allem auf ihre eigenen Interessen und Zukunftsaussichten konzentrieren müssen. Daraus folgt als Devise bei den Verhandlungen mit den Briten: Ja zu gemeinsamen Vorteilen, nein zu einseitigen Nachteilen. Und im Übrigen gilt es, die Union intern endlich wieder zu festigen und mit neuen bürgernahen Perspektiven zu versehen. Denn der Brexit ist zwar der schlimmste Ausdruck einer weit verbreiteten Anti-EU-Stimmung in den Mitgliedsstaaten, aber leider nicht der einzige.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)