So skandalös die türkische Regierung gegen angebliche Putschisten auch vorgeht und so abwegig die Vorwürfe von Präsident Erdogan in Richtung EU sind: Noch hält sich Ankara im Wesentlichen an das Flüchtlingsabkommen. Ebenso richtig ist aber auch: Erdogan kann die Tore über Nacht wieder öffnen und die EU in eine erneute Zerreißprobe stürzen – bis hin zu dramatischem Zulauf für Rechtspopulisten.

Daher muss ein Plan B insbesondere für die erste Anlaufstation Griechenland nicht nur in der Schublage liegen sondern zügig und praktisch vorbereitet werden. Das bedeutet: Schon jetzt wesentlich mehr Geld und Personal der EU für Athen, eine diplomatische und humanitäre Offensive gegenüber den Haupt-Herkunftsländern sowie bürokratische Forcierung der Aufnahme- und Abschiebeverfahren für diejenigen Menschen, die keinen Anspruch auf Schutz in der EU haben.

All dies ist grundsätzlich nicht neu. Aber bei der Umsetzung hakt es massiv, wie der griechische Migrationsminister Mouzalas zu Recht beklagt. Das ist verantwortungslos. Denn selbst wenn Erdogan jetzt noch keinen völligen Bruch mit der EU riskieren sollte – je schwächer und uneiniger sich die Europäer zeigen, desto mächtiger wird sich der türkische Präsident fühlen und entsprechend handeln. In dieser Hinsicht ähnelt er durchaus seinem russischen Amtskollegen Putin. Auch dieser reizt seine Karten gnaden- und prinzipienlos aus, sobald die Kontrahenten Schwächen zeigen. Man nehme nur die Beispiele Krim und Ukraine.

Brüssel darf nicht darauf setzen, dass sich Erdogan von den wirtschaftlichen Schäden für sein eigenes Land abschrecken ließe. Dieser Sultan ist nicht politisch käuflich. Zwar ist die Türkei von der EU wirtschaftlich stark abhängig. Aber dies scheint für Erdogan nur von zweitrangiger Bedeutung zu sein. Denn sonst würde er nicht ohne Rücksicht auf die Beziehungen zu Brüssel, auf westliche Touristen und Unternehmen nach Gutdünken drohen und rechtsstaatliche Prinzipien missachten.

Mehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit statt Abhängigkeit bis hin zur Erpressbarkeit – eine solche Haltung dürfte der türkische Präsident derzeit noch am ehesten respektieren. Für die EU-Staaten heißt dies: die eigenen Ressourcen und Mittel deutlich besser koordinieren, um nicht von Erdogan am Nasenring geführt zu werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)