Die Lage in Syrien spitzt sich dramatisch zu. Zwar kann es niemand der UNO verdenken, dass sie nach dem verheerenden Luftangriffs auf einen Hilfskonvoi ihre Lieferungen an die Zivilbevölkerung vorerst stoppt. Doch was dies für die verzweifelten Menschen in Aleppo und anderen Orten bedeutet, mag man sich gar nicht vorstellen. Und dass auch Amerikaner und Russen im Syrienkonflikt jetzt wieder auf Konfrontation statt auf Friedensuche zu gehen, macht die Situation noch verworrener und hoffnungsloser – höchste Zeit für die EU, sich endlich mit einer eigenen Vermittlungsinitiative einzuschalten.

Denn die Zeit drängt in doppelter Hinsicht. Zum einen muss buchstäblich alles versucht werden, um eine weitere humanitäre Katastrophe mit anschließenden neuen Flüchtlingsströmen zu verhindern. Und zum anderen dürfen sich die Europäer nicht länger auf das Engagement der US-Regierung von Barack Obama verlassen. Dessen Amtszeit läuft in Kürze aus. Bereits Anfang November wird in den Vereinigten Staaten gewählt. Dies bedeutet: der jetzige Präsident kann politisch nicht mehr viel bewegen und der neue Präsident muss sich erst mit seinem Team aufstellen, bevor er oder sie große außenpolitische Initiativen ergreift. Das wird Monate dauern – viel zu lang für das aktuelle Drama in Syrien.

Vor diesem Hintergrund sollten die Europäer rasch dabei helfen, das Klima zwischen Moskau und Washington zu verbessern. Dieses darf nicht durch gegenseitige Schuldzuweisungen vollends vergiftet werden. Denn egal wie man die Rolle von Russen und Amerikanern im Syrienkonflikt bewertet: ohne ihre positive Mitwirkung kann der schreckliche Bürgerkrieg nicht beendet werden. Und es wird ohne die beiden Großmächte auch keinen ausreichenden Schutz für humanitäre Hilfstransporte in die umkämpften und eingeschlossenen Gebiete geben können.

Unabhängig davon sollten – wenn irgend möglich – die persönlich Schuldigen für den Angriff auf den Hilfskonvoi ermittelt werden, um sie später wegen Kriegsverbrechen vor einem internationalen Gericht anklagen zu können. Die juristische Aufarbeitung des Kriegs in Exjugoslawien ist hierfür ein Vorbild – sicher kein perfektes, aber doch immerhin ein in vielen Fällen erprobtes. Die entsprechenden Nachforschungen sind zugleich eine Warnung an potenzielle Nachfolgetäter. Wenn sich deswegen auch nur einer von neuen Verbrechen abschrecken ließe, hätte sich der Aufwand schon gelohnt.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)