Streit mit Washington um das Atomabkommen mit dem Iran inklusive drohendem Handelskrieg, ein zunehmend unberechenbarer werdender US-Präsident, der bevorstehende Brexit – die Zeiten für die EU könnten herausfordernder kaum sein. Umso positiver daher die auf dem Gipfel von Sofia demonstrierte größere Einigkeit. Augenscheinlich haben die Regierungschefs erkannt, dass sie enger als bisher zusammenrücken müssen. Das sind neue Töne, insbesondere in Richtung Donald Trump. Sie sind bitter nötig. Ratspräsident Tusk hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: Mit solchen Freunden, wer braucht da noch Feinde?

Der polnische EU-Ratspräsident zeigt mit seiner ungewöhnlich drastischen Äußerung Führungsstärke und zugleich eine große Integrationskraft. Denn ohne seine Fähigkeit, die sehr unterschiedlichen Interessen und Persönlichkeiten der einzelnen EU-Regierungschefs halbwegs auf einen Nenner zu bringen, hätte sich Tusk jetzt nicht derart weit öffentlich vorwagen können.

Für die Regierungen der Europäischen Union ist dieser politische Mut ihres obersten Repräsentanten ein Glücksfall. Denn im Grunde haben sie keine andere Wahl als die Flucht nach vorn anzutreten und gegenüber den USA Flagge zu zeigen. Sonst werden sie schnell zu bloßen Befehlsempfängern degradiert und damit zu nützlichen Idioten bei der Verwirklichung von Trumps Zielen.

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hat die bisherige atlantische Partnerschaft für einen US-Präsidenten keine strategische Bedeutung mehr. Das ist für die Europäer eine bittere, neue Lage. Sie können sie nur durch klares und kluges Gegenhalten meistern.

Dafür ist in Sofia ein vernünftiger Anfang gemacht worden. Erstens wurde im Konflikt um das Iran-Abkommen gegenüber Washington Klartext gesprochen. Zweitens sind mögliche rechtliche und finanzielle Reaktionsmöglichkeiten deutlich geworden. Und drittens wird auch langfristig der Blick nach vorn gerichtet, indem der Westbalkan eine positive EU-Beitrittsperspektive ab 2025 erhält.

Mit letzterem könnte Union ihre eigene Interessenssphäre stärker als bisher absichern und sich von den USA weiter unabhängig machen. Insofern gehören die Punkte zusammen. Die gemeinsame Überschrift lautet: Auf die eigenen Kräfte verlassen statt von den Launen im Weißen Haus bestimmt zu werden.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)