Allen Berichten über Krisen und Konflikten zum Trotz: Es gibt zum Thema Europa auch uneingeschränkt positive Meldungen. Dazu gehört das jüngst in Brüssel veröffentlichte Eurobarometer, wonach sich mehr als zwei Drittel der EU-Bürger und 75 Prozent der Deutschen positiv zur EU-Mitgliedschaft ihres jeweiligen Staates äußern. Offenkundig stößt die Propaganda der Rechtspopulisten und Europafeinde auf zunehmende Ablehnung in der Bevölkerung. Der Katzenjammer in London nach der Brexit-Entscheidung scheint hier seine Wirkung auf die Nachbarn nicht verfehlt zu haben.

Immer mehr EU-Bürger erkennen laut Eurobarmeter, was sie an der Union positives haben. Diese Grundstimmung gilt es für weitreichende Reformen zu nutzen, wie sie der französische Präsident Macron zuletzt in seiner Aachener Karlspreisrede vorgeschlagen hat. Denn so ermutigend die Ergebnisse der Umfrage auch sind: Die aktuellen wirtschafts- und sicherheitspolitischen Probleme der EU werden dadurch nicht weniger.

Allerdings haben sich die Chancen verbessert, dass auch schmerzhafte Reformen letztlich von den Bürgern akzeptiert werden. Entscheidend bleibt jedoch, dass sie die Union insgesamt voranbringen statt nur wenigen einzelnen Staaten zugute kommen. Denn was nützen schon kleinere nationale Vorteile, wenn darüber das große europäische Ganze gelähmt wird. Von diesem hängt mittlerweile viel mehr ab.

Europa mag momentan noch mit seinem Wohlstand und seinen Freiheiten international glänzen, aber die weltpolitischen Gewichte verschieben sich derzeit dramatisch. Die Supermacht USA denkt unter Präsident Trump nur noch an sich, und das erstarkende China will zunehmend selbst die Regeln seiner Außenkontakte bestimmen. Beides zusammen verändert die Statik der Weltpolitik. Europa droht dabei zum Statisten zu werden, der nur noch die Wahl hat, dieser oder jener Seite Beifall zu klatschen – mit den entsprechenden Negativreaktionen der jeweils anderen. Die jüngste Debatte um US-Zölle und Handelsbeschränkungen geben hier erste Hinweise, worauf dies für eine Exportnation wie Deutschland hinauslaufen könnte.

Was tun? Die Antwort kann nur lauten: Europa so stark zu machen, dass andere Akteure wie Washington oder Peking darauf Rücksicht nehmen müssen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)