Man kann nur hoffen, dass das britische Referendum einen heilsamen Schock in der EU auslöst. Denn unabhängig vom Ergebnis ist klar: Die Europäische Idee und damit die EU müssen sich emotional grundlegend neu erfinden. Nur wenn die Bürger wieder spüren, was sie an gemeinsamen Interessen und Werten mit anderen Europäern verbindet, lassen sich die überall auf dem Kontinent zunehmenden Fliehkräfte bannen. Und das Projekt Europa hätte eine neue, bessere Zukunft.

Bei dieser großen Aufgabe machen derzeit fast alle Politiker der EU eine schlechte Figur – und in Deutschland allen voran die Kanzlerin. Anders als ihr christdemokratischer Vorgänger Helmut Kohl konnte Angela Merkel das historische Einmalige der EU bislang nicht in angemessene Worte oder gar symbolische Gesten fassen. Damit fehlen ein Gesicht, eine Geschichte, die bei den Bürgern eine positive Grundstimmung für Europa erzeugen – von politischer Leidenschaft für die europäische Idee ganz zu schweigen. Zwar sieht es in dieser Hinsicht in anderen Mitgliedstaten noch trüber aus. Aber das ist kein Trost.

Helmut Schmidt hat einmal gesagt, wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen. Für Europa gilt: Ohne Visionen ist der Patient bald tot. Und dies wäre eine Katastrophe von wahrlich historischem Ausmaß.

Was tun? In jedem Fall sollten die Regierungen und Parlamente nicht länger nur den wirtschaftlichen Nutzen der EU herausstellen, sondern viel stärker noch – wie bei einer Ehe und Familie – das darüber hinausgehend Verbindende spüren lassen. Eine bloße Rückbesinnung auf die europäischen Visionen des vorigen Jahrhunderts reicht allerdings nicht aus. So richtig etwa Kohls Ziele waren und immer noch sind – ohne eine entsprechende Aktualisierung wirken sie für viele Bürger altbacken und langweilig.

Eine solche Zukunftsdebatte ist in den letzten Jahren leider viel zu kurz gekommen. Dies zeigt auch das Beispiel Großbritannien. Hier ging es jüngst neben Kritik an einer übergriffigen EU-Bürokratie vor allem um Einwanderung und die wirtschaftlichen Vorteile einer Mitgliedschaft in der Union. Zugegeben, dies sind wichtige Themen, die die Menschen auch außerhalb Großbritanniens beschäftigen. Und die EU-Politiker müssen darauf im Tagesgeschäft auch praktische Antworten geben, was in der aktuellen Krise leider nur unzureichend geschieht. Aber deswegen darf und muss nicht gleich das große Ganze infrage gestellt werden.

(Für Pressekorrespondenz)