Das verstehe wer will. Erst wollten die Briten so schnell wie möglich aus der EU, während diese für den Fall eines Verbleibs mit Zugeständnissen lockte. Und jetzt drücken die Sieger der Brexit-Kampagne um Boris Johnson plötzlich auf die Bremse. Da hilft nur eines: Im Alleingang Fakten schaffen. Wenn die Briten pokern wollen, mögen sie es versuchen. Die anderen Europäer sollten derweil schon mit Hochdruck die neue Union der 27 rechtlich und finanziell strukturieren. Je eher hier Sicherheit für Investoren herrscht, desto geringer der wirtschaftliche Schaden. Und London mag dann sehen, wo es bleibt.

Natürlich muss Großbritannien auch künftig ein enger Freund der EU sein. Schon deshalb verbieten sich nach dem unseligen Brexit-Votum jegliche Rache- oder Bestrafungsgedanken. Die Trennung sollte so fair verlaufen, dass sich beide Seiten danach wieder gern an einen gemeinsamen Tisch setzen. Denn sowohl London als auch Brüssel sind dauerhaft auf Kooperation in zentralen Politikbereichen aufeinander angewiesen.

Doch keinesfalls dürfen die Briten jetzt den Rest der Union blockieren, indem sie die notwendigen Veränderungen durch Tatenlosigkeit sabotieren. Falls London dennoch weiter verantwortungslos auf Zeit spielt, würde es seinen letzten politischen Kredit bei der EU verlieren. Und das kann für die Briten teuer werden.

Jahrzehntelang haben Londoner Politiker die Europäische Union schlecht geredet und ihr zugleich immer weitergehende Zugeständnisse abgetrotzt. Dieses Spiel ist aus. Ab sofort wollen sich die anderen EU-Mitglieder nicht länger um der lieben Einheit willen von London erpressen lassen. Denn niemand hat die Briten gezwungen, die Union zu verlassen. Doch jetzt sind sie vor der Tür – zwar noch nicht rechtlich aber politisch. Und entsprechend kühl muss die EU mit ihnen umgehen

Die Hauptaufgabe für Brüssel ist jetzt, den Schaden für die anderen EU-Mitgliedsstaaten möglichst gering zu halten. Falsch verstandene Rücksichtnahme auf London wäre da kontraproduktiv. Sie würde nur die EU-Skeptiker im Rest der Union stärken. Und von denen gibt es leider reichlich. Brüssel muss daher unverzüglich beginnen, alle Programme und Institutionen so umzustellen, als sei London nicht mehr Mitglied der Union. Man kann nur hoffen, dass die britische Regierung bei diesem Trennungsverfahren zügig und konstruktiv mitarbeitet – im Interesse Großbritanniens und der verbleibenden Mitgliedsstaaten.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)