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Auf den ersten Blick ist es ein rundes Jubiläum wie viele andere auch: Vor 100 Jahren wurde Schwarz-Rot-Gold zu den Nationalfarben Deutschlands erklärt. Die damaligen Volksvertreter knüpften bewusst an die Freiheitsbewegung von 1848 an. Man wollte künftig demokratisch und liberal, nicht länger wilhelminisch und autoritär regiert werden. Der Bruch mit dem untergegangenen Kaiserreich fand in den neuen Farben seinen bild- und symbolhaften Ausdruck.

Und heute? Schwarz-Rot-Gold ist politischer denn je. Radikale und Populisten von Rechts versuchen die feindliche Übernahme. Sie missbrauchen die Farben den Demokratie, um von ihren eigentlichen Motiven abzulenken: Einen Staat zu schaffen, der mit den Idealen von 1848 und 1919 nichts mehr zu tun hat. Das darf ihnen nicht gelingen. Stattdessen sollten die Verfechter des Grundgesetzes Schwarz-Rot-Gold wieder offensiv für sich reklamieren.

Die deutschen Nationalfarben haben etwa auf Demonstrationen von Rechtsaußen nichts zu suchen, wohl aber auf den Versammlungen von Demokraten und Anti-Nazis. Dort sollten die geschriebenen und ungeschriebenen Werte des Grundgesetzes im Mittelpunkt stehen – von Achtung der Menschenwürde, Meinungs- und Pressefreiheit, Patriotismus bis hin zum friedlichen Zusammenleben mit den Nachbarn im In- und Ausland. Für all dies zusammen stehen die Farben Schwarz-Rot-Gold. Sie gehören zur modernen deutschen Demokratie und nicht zu einem rückwärts gewandten, im Kern fremdenfeindlichen Nationalismus.

Ein solcher Kampf um die „richtigen Farben“ ist für Demokraten äußerst wichtig, weil er in der Bevölkerung das Bewusstsein für die dahinter liegenden Werte schärft. Eben diese Klärung wollen Rechtsradikale verhindern. Sie betreiben mit Fahnen von Schwarz-Rot-Gold Etikettenschwindel, die politischen Brandstifter tarnen sich wahre und einzige Patrioten.

Ihr Appell ans Nationalgefühl dient dazu, demokratische und freiheitliche Verhältnisse in den Schmutz zu ziehen. Das Kalkül heißt Zermürbung und Unterwanderung. Am Ende soll die Relativierung aller verfassungsmäßigen Werte stehen. Damit wäre der Boden für eine radikal andere Republik bereitet, die mit dem Grundgesetz und Schwarz-Rot-Gold vielleicht noch Äußerlichkeiten aber gewiss nichts Substanzielles mehr gemeinsam hätte.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)