In Parteien sind Personalien in der Regel spannender als Programmdebatten, zumindest aus Sicht der Medien und der breiten Öffentlichkeit. Dies weiß natürlich auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Umso befremdlicher sind seine jüngsten Äußerungen zur Wahl eines sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten. Denn sie werfen nur ein grelles und unvorteilhaftes Licht auf das aktuelle Dilemma der Partei: Mangelnde Wählerresonanz trotz inhaltlicher Erfolge in der großen Koalition.

Entsprechend zurückhaltend ist die interne Reaktion auf den Vorstoß. In der SPD-Spitze ducken sich vermeintliche Hoffnungsträger vorsichtig weg. Gabriels Versuch, sie aus der Reserve zu locken, geht ins Leere. Dies verstärkt nur den mutlosen Eindruck, den die SPD gegenwärtig bietet. Denn der vom Vorsitzenden propagierte Wettbewerb um die Spitzenposition im kommenden Wahlkampf bleibt nicht etwa aus, weil Gabriel die Idealbesetzung für die SPD wäre. Im Gegenteil: Wesentlicher Grund ist die mangelnde Siegesaussicht. Niemand aus der Parteispitze möchte Gabriel jetzt politisch beerben und am Ende – sprich nach der Bundestagswahl 2017 – als der Dumme dastehen.

Ohnehin ist jedem klar, dass Gabriel kraft Amtes den ersten Zugriff auf die Spitzenkandidatur seiner Partei hat. Man sollte derzeit aber wohl eher sagen: die Pflicht, sich an vorderster Stelle in eine fast aussichtslose Wahlkampagne zu stürzen. Diese heikle Lage ist nicht neu. Aber Gabriels jüngste Äußerung rückt sie ohne Not wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das ist in hohem Maße ungeschickt. Was noch zu Zeiten von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine ein spannender Kampf auf hohem Niveau um den ersten Platz in der SPD war, mutet nun wie ein Schwarze Peter-Spiel an. Kläglicher geht es kaum.

Gabriel will und muss seine Partei wieder zu einer Konkurrentin auf Augenhöhe mit der Union machen. Aber dazu gehören vor allem Ideen und inhaltliche Profilierungen. Konzepte statt Klamauk um die Kanzlerkandidatenfrage – so sollte die Devise lauten. Die Parteiführung müsste sich dazu als geschlossenes, erfolgsorientiertes und zuversichtliches Team präsentieren. Es ist die Pflicht eines Vorsitzenden, hier mit gutem Beispiel voranzugehen statt zur Unzeit Kampfabstimmungen zu propagieren.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)