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So verrückt, Großbritannien Ende Oktober ohne Absicherungen aus der EU zu führen, könne Boris Johnson doch nicht sein, hatten viele auf dem Kontinent bislang gedacht. Doch, er kann. Der neue Premierminister sucht förmlich die Konfrontation mit Brüssel, um daraus politische Kraft zu ziehen.

In dieser Hinsicht gleicht er ganz seinem Freund Donald Trump. Auch der schert sich nicht um Verbündete, den Zusammenhalt der Nation oder die wirtschaftlichen Folgen seiner Maßnahmen. Hauptsache, die Lage eskaliert und er kann sich seinen Anhängern – und nur diesen – als großer Retter präsentieren. Die Europäer sollten sich auf ein ähnliches Verhalten in London einstellen.

Anders als Trump wird Johnson als hochintelligent, belesen und im Grunde weltoffen charakterisiert. Als Beleg für diese Liberalität gilt seine Zeit als Bürgermeister von London. Aber davon sollte sich niemand täuschen lassen. Denn der andere Boris Johnson zeigte sich bei der Kampagne, die zum Brexit führte. Augenscheinlich waren es ausschließlich persönliche Karrieregründe, die ihn ins Lager der Austrittsanhänger führten. Was mit Großbritannien wird, spielte da keine Rolle. Es zählte das große und zynische Spiel um die Macht – bei Fakten galt nur die öffentliche Wirkung, nicht der Wahrheitsgehalt.

Und Johnson hatte Erfolg. Als Premierminister knüpft er daran mit einer radikalen Kabinettsumbildung an. Verfechter eines kompromisslosen EU-Austritts übernehmen die zentralen Ressorts. Nur folgerichtig waren daher am Wochenende die Äußerungen etwa von Staatsminister Gove und Finanzminister Javid, wonach sich London auf einen harten Brexit vorbereiten müsse.

Bezeichnend, dass zeitgleich der irische Premierminister Varadkar in einem Interview öffentlich darüber nachdachte, ob sich die Nordiren statt in einem nationalistischen Großbritannien künftig eher in einer „gemeinsamen europäischen Heimat” und als „Teil von Irland” zu Hause fühlen würden. Im Klartext: Nordirland könnte sich vom Vereinigten Königreich abspalten. Auch in Schottland gibt es ähnliche Überlegungen.

Doch selbst diese wachsende Gefahr für die staatliche Einheit dürfte Johnson und sein Kabinett nicht schrecken. Für die EU kann dies nur heißen: weiter die eigenen Hausaufgaben machen und sich in Sachen Brexit auf das Schlimmste einstellen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)