Das Gedenken an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion ist in Berlin nach Schema F verlaufen. Eine Erklärung des Bundespräsidenten, eine Debatte im Parlament – alles sehr respektabel aber davon wird den einfachen Menschen in den Nachfolgestaaten der UdSSR nichts in Erinnerung bleiben. Schade. Für den symbolträchtigen 75. Jahrestag wäre gerade angesichts der heutigen Spannungen eine große Geste gegenüber den Opfern mit der Bitte um Vergebung angemessen gewesen. Diese Chance blieb leider ungenutzt.

Präsident Putin darf sich darüber freuen. Er konnte dank der deutschen Phantasielosigkeit ungehindert Themen und Emotionen an diesem in Russland so wichtigen Gedenktag bestimmen. Das hinterlässt Spuren in den Köpfen der Bevölkerung ebenso wie seine ständige Botschaft von der Bedrohung durch den Westen. Umso wichtiger ist es, diese Propaganda gegenüber dem Volk mit Gesten der Freundschaft und des guten Willens zu widerlegen. Die Menschen in Russland müssen spüren, dass der Westen sehr wohl zwischen ihnen und dem autokratischen Präsidenten zu unterscheiden weiß.

Anders als die russische Bevölkerung verdient Putin derzeit kein besonderes Verständnis und keinen Vertrauensvorschuss. Sein militärisches Vorgehen auf der Krim und in der Ukraine wecken zu Recht Besorgnisse vor allem im Baltikum und in Polen. Dies hat der jüngste Besuch der polnischen Ministerpräsidentin in Berlin einmal mehr bestätigt. Ihr immer wieder geäußerter Wunsch nach einer härteren Haltung gegenüber Moskau mag zwar gerade am Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion etwas harsch wirken. Gleichwohl ist das Anliegen angesichts der aktuellen Krisen verständlich.

Gewiss, der Gesprächsfaden in den Kreml bleibt für deutsche Politiker sehr wichtig. Doch dazu gehören bei Bedarf auch klare Worte und handfeste Maßnahmen wie Sanktionen. Denn die aktuellen Erfahrungen mit Putin werden nicht durch die Schuld relativiert, die Hitler-Deutschland seinerzeit gegenüber den Russen auf sich geladen hat. Moskau muss sich ungeachtet der vielen eigenen Opfer im Zweiten Weltkrieg seiner heutigen Verantwortung für Frieden und Sicherheit stellen. Und Deutschland wiederum muss nach Kräften dazu beitragen, dass sich seine östlichen Nachbarn frei und unbedroht fühlen. Auch dazu mahnt der 75. Jahrestag des Hitler-Überfalls auf die Sowjetunion.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)