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Die jüngsten Streiks der IG Metall sind ein Armutszeugnis – für die Gewerkschaftsführung, aber auch für das Verhandlungsteam der Arbeitgeberseite. Denn es droht eine Eskalation der Proteste, die zu schweren wirtschaftlichen Nachteilen für alle Beteiligten führen kann. Das ist unverantwortlich. Eine Rückkehr zum Verhandlungstisch ist die einzig sinnvolle Lösung. Denn objektiv könnten die Voraussetzungen für eine Einigung kaum besser sein: Es wird in der Branche momentan gut verdient, die Auftragsbücher sind voll, und Beschäftigte werden vielerorts von den Unternehmen händeringend gesucht.

Kurzum, es gibt ausreichend zu verteilen, sofern die Kontrahenten nur genügend Außenmaß und guten Willen zeigen. Entscheidend ist, dass die Basis des gemeinsamen Erfolgs von Arbeitnehmern und Betrieben jetzt nicht durch Übermut und finanzielle Blütenträume beschädigt wird. Denn streikbedingte Produktionsausfälle und Lieferengpässe sind gerade im internationalen Wettbewerb sehr riskant. Ausländische Konkurrenten warten nur darauf, eine solche Schwächephase am Standort Deutschland für sich auszunutzen.

Für eine kurze Dauer mag dies noch hinzunehmen sein. Doch wenn sich Gewerkschaften und Arbeitgeber für eine längere Zeitspanne weiter so hart bekämpfen, könnte ein kritischer Punkt erreicht werden. Daran darf niemand interessiert sein, zumal die aktuell positive Konjunktur nicht ewig anhalten wird. Da heißt es, jetzt nicht den Bogen zu überspannen, um auch später niemanden fürchten zu müssen.

Leider lässt die jüngste Zuspitzung das Gegenteil befürchten. Vor allem die Führung der IG Metall hat bei ihren Mitgliedern hohe Erwartungen an einen Tarifabschluss geweckt. Sie gerät damit unter heftigen Zugzwang. Eine wirtschaftlich vernünftige Einigung wird unter solchen Umständen mit jedem Tag schwieriger.

Man kann nur hoffen, dass die Beteiligten möglichst rasch wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Immerhin gehört die Metallindustrie zu den wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft. Was hier geschieht, hat häufig Modellcharakter in anderen Sektoren. Hinzu kommt, dass durch die enge Verflechtung der Betriebe auch zunächst unbeteiligte Dritte lahmgelegt werden können. Entsprechend wichtig ist, dass die jüngste tarifpolitische Eskalation bald endet und anderorts keine Nachahmer findet.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)