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Angela Merkel und Emmanuel Macron sind europapolitisch leider zu selten auf einer Linie. Damit verspielen sie die Chance, gemeinsam eine grundlegende EU-Reform voran zutreiben. Aber wenigsten in der Balkanfrage ziehen sie jetzt energisch an einem Strang.

Das ist in doppelter Hinsicht bedeutend: Zum einen können der Krisenregion damit neue Perspektiven in Richtung Stabilität und EU-Mitgliedschaft eröffnet werden. Und zum anderen zeigt das Treffen in Berlin einmal mehr, welch großes Gewicht Kanzlerin und Präsident bei einem abgestimmten Vorgehen in Europa haben. Das sollte beiden ein Ansporn sein, auch bei anderen Themen häufiger die Initiative zu ergreifen.

In jedem Fall war es für Deutschland und Frankreich dringend geboten, wieder auf die Regierungen der Balkanstaaten zuzugehen. Denn vor allem Serbien und der Kosovo sind dabei, politisch gefährlich zu zündeln, indem sie mehr oder weniger offen über Gebietsveränderungen nachdenken. Angeblich sollen auf diese Weise ethnische Spannungen entschärft werden, was für Sympathiebekundungen der USA und auch innerhalb der EU-Administration gesorgt hat.

Doch die Risiken sind immens. Denn falls tatsächlich – etwa im Norden des Kosovo – die Grenzen verschoben werden, so dürften auch in anderen Teilen des Balkan bisherige Zuordnungen infrage gestellt werden. Neue Auseinandersetzungen sind damit programmiert, was böse Erinnerungen an die Balkankriege der 1990er Jahre weckt.

Umso wichtiger, dass Merkel und Macron jetzt allen Staaten des Westbalkan einen anderen Weg aufzeigen: die Mitgliedschaft in der EU gemäß einem klaren zeitlichen und inhaltlichen Fahrplan. Voraussetzung dafür muss selbstverständlich die vorherige Lösung der territorialen Konflikte sein. Im Klartext: Anerkennung der aktuellen Grenzen im festen Bewusstsein, dass diese später innerhalb der Europäischen Union ohnehin ihren trennenden Charakter verlieren würden.

Man kann nur hoffen, dass die jüngste deutsch-französische Initiative auch die Akteure in Brüssel wachrüttelt. Dort wurde das Thema Balkan in den letzten Jahren ohne besonders großes Engagement abgehandelt. Alle Aufmerksamkeit galt und gilt der Flüchtlingskrise und dem Brexit. Dabei sollte jedem klar sein, dass die Lage auf dem Balkan mindestens die gleiche Brisanz entwickeln kann…

(Für Pressekorrespondenz Berlin)