Keine Frage, Ratko Mladic wurde zu Recht in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Name des früheren bosnisch-serbischen Generals steht für das wohl schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: das Massaker von Srebrenica. Der „Schlächter vom Balkan“ hat dort schwerste persönliche und politische Schuld auf sich geladen. Sie wirkt bis heute in der Region nach.

Die Gräben zwischen den verschiedenen Ethnien sind auch nach über 20 Jahren weiterhin tief, von Versöhnung kaum eine Spur. Daran dürfte die hohe Strafe des Jugoslawien-Tribunals wenig ändern. Die Sympathisanten Mladics sprechen ohnehin mit Blick auf Den Haag nur von Siegerjustiz.

Die internationale Politik spielt ihnen dabei leider in die Hände. Denn dass andernorts bei schwersten Kriegsverbrechen – Stichwort Syrien – von der UNO nicht einmal ermittelt werden darf, ist Wasser auf die Mühlen der Ewiggestrigen auf dem Balkan. Und es mindert den Abschreckungseffekt des jüngsten Urteils bei anderen Kriegsverbrechern, die noch in Freiheit oder gar in ihren Ämtern sind. Syriens Präsident Baschar al Assad ist nur einer von ihnen.

So wichtig daher das Urteil gegen Mladic auch ist: Hass, Terror und Gewalt können nicht von Gerichten überwunden werden. Hier sind in erster Linie Politiker gefordert, wie auch das Beispiel Balkan zeigt. So leben dort Serben, Kroaten und Bosnier momentan nur deswegen relativ friedlich miteinander, weil sie sich von einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union Sicherheit und Wohlstand versprechen. Diese Perspektive bestimmt die offizielle Politik in Exjugoslawien. Und sie verhindert, dass in der breiten Bevölkerung Gefühle von Revanche und Rache überhand nehmen. Ob und wann daraus echte Versöhnung werden kann, ist völlig offen.

Umso wichtiger, dass die EU ihre Rolle als zivile Friedens- und Ordnungsmacht auf dem Balkan besonnen ausfüllt. Nach der Aufnahme Kroatiens im Jahr 2013 muss in Brüssel auch die Tür für Serbien und dessen weitere Nachbarn offen bleiben. Dies ist die wichtigste politische Lehre aus dem Mladic-Prozess. Und es ist zugleich der einzige Weg, um die schlimmen Geister der Vergangenheit dauerhaft zu vertreiben.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)