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Ob Glyphosat bei Menschen krebserregend ist oder nicht, mag zwischen Wissenschaftlern noch so umstritten sein: Für Bayer ist der Unkrautvernichter in jedem Fall hochgiftig. Er könnte für den Konzern sogar tödlich sein. Denn die Prozesswelle hat mit dem jüngsten Urteil aus den USA eine atemberaubende Höhe erreicht.

Zwar müssen die zwei Milliarden Dollar Schadenersatz für ein erkranktes Ehepaar nicht das letzte Wort sein. Bayer hat bereits Berufung angekündigt. Gleichwohl bestätigt das Urteil die immensen Risiken, die der Konzern bei der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto völlig unterschätzt hat. Mit der Schulnote unbefriedigend sind die Leistungen des Leverkusener Managements an dieser Stelle fast noch zu milde bewertet.

Offenkundig vertraute die Bayer-Führung zu sehr den Aussagen von Chemikern und Medizinern, die keinen Zusammenhang zwischen Glyphosat und den Erkrankungen vieler Anwender sehen konnten oder wollten. Doch Naturwissenschaft allein reicht heute nicht mehr, um die Akzeptanz eines Produkts zu garantieren. Auch Plausibilitätsgründe, die sich mit strengen Messmethoden nicht exakt beweisen lassen, können unter Umständen den Ausschlag geben.

So bei der Jury im amerikanischen Oakland. Techniker mögen deren Urteil als Meinung von fachlichen Laien ansehen. Sie haben Recht damit. Aber das nützt nichts, weil die „Experten“ von Bayer ihrerseits keinen Sinn für die menschlichen und damit sowohl politischen als auch juristischen Aspekte ihres umstrittenen Produkts hatten. So wird Vertrauen zerstört, erst in das konkrete Produkt und dann in den Konzern als Ganzes.

Manager früherer Jahrzehnte konnten es sich leisten, solche „weichen“ Faktoren als Gedöns abzutun. Ihre heutigen Nachfolger stellen dagegen die Existenz des Unternehmens auf Spiel, wenn sie ebenso überheblich handeln. Dies gilt erst Recht, wenn dabei außerdem noch bewusst getrickst und getäuscht wurde, um Kunden in falscher Sicherheit zu wiegen, so wie es die Kläger im Fall Bayer in den USA behaupten. Man kann im Interesse der hiesigen Beschäftigen nur hoffen, dass sich diese Vorwürfe am Ende als unbegründet erweisen.

(Für Pressekorrespondenz Berlin)